Frühlingsgöttin Ostara

„Wandlung ist notwendig
wie die Erneuerung der Blätter im Frühling.“
Vincent van Gogh

Liebe Erzählfreundinnen und –freunde,
jetzt ist er da, der Frühling und mit ihm mein neues Ausbildungskonzept. Lange habe ich mit mir gerungen, gezweifelt, gehofft. Nächstes Jahr, am 31. März 2017 starte ich die Ausbildung „Heilsames Erzählen“. Alle Informationen darüber findet ihr hier: http://erzaehlausbildung.de/. Für Frage stehe ich gerne zur Verfügung.

Alles Gute, freudige Ostertage und einen bunten Frühlingsstart wünscht
Jana Raile

BRAUCHTUM und HINTERGRÜNDIGES zu OSTERN
Der Termin des Osterfestes ist bestimmt vom ersten Frühlingsvollmond (23.3.2016). Ostersonntag ist immer der erste Sonntag, der diesem folgt.

  • Ist der Palmsonntag ein heiterer Tag, für den Sommer ein gutes Zeichen sein mag.
  • Karfreitag Sonnenschein – bringt uns reiche Früchte ein.
  • Wenn am Karfreitag Regen war, folgt trocknes, aber fruchtbar‘ Jahr.
  • Ein Wind, der von Ostern bis Pfingsten regiert, im ganzen Jahr sich wenig verliert.

OSTARA bringt uns die Sonne, das Licht, die Wärme und das Leben wieder zurück und symbolisiert neues Wachstum und Wiedergeburt. Sie ist die Tochter der Frigg und des Wotan. Ostara kämpft jedes Jahr gegen die Eisriesen des Winters und trägt schließlich den Sieg davon. Kälte und der Frost müssen sich zurückziehen, die Sonne schickt ihre wärmenden Strahlen auf die Welt – der Frühling kann beginnen.

Nach dem langen Winter beginnt die Auferstehung der Natur. Als Frühlingsbotin ist Ostara das Sinnbild der zeugungsbereiten und erwachenden Natur. Es gibt auch Überlieferungen, denen zufolge „Os-tara“ aus zwei alten Sprach- und Laut­silben besteht: „Os“ ist „Mund-Schoß-Erde-Ge­burt-Ent­ste­hung“ und „tar“ bedeutet „zeugen“. Ostara könnte also mit Erd-Zeu­gung über­setzt werden.

Ostara2

Historisch und kulturwissenschaftliche wird oft angezweifelt, dass eine Göttin mit dem Namen Eostra oder Ostara tatsächlich verehrt wurde. Sie soll eher eine romantische Erfindung der Neuzeit sein. So steht im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens aus dem Jahre 1935: „Wenn schon eine angelsächsische Eostra auf schwachen Füßen stand, hielt die Forschung erst recht eine deutsche Göttin Ostara für nicht nachweisbar.“ Allerdings spekuliert Jacob Grimm in seinem Werk „Deutsche Mythologie“ über eine germanische Göttin mit dem Namen Ostara, auf der Basis von Bedas Eostrae: „Die beiden Göttinnen, welche Beda (de temporum ratione cap. 13) ganz kurz, ohne nähere Schilderung, bloß zur Erklärung der nach ihnen benannten Monate anführt, sind Eástre und Hrede; von dieser hat Merz, von jener April seinen sächsi[s]chen namen.“ Ein weiteres etymologisches Indiz, das Grimm heranzieht ist der „ôstârmanoth“ (Ostermonat – ahd. für April): Er kommt zum Schluss: „Ostara, Eástre mag also eine Gottheit des strahlenden Morgens, des aufsteigenden Lichts gewesen sein, eine freudige, heilbringende Erscheinung, deren Begriff für das Auferstehungsfest des christlichen Gottes verwandt werden konnte.“ (aus: http://www.artedea.net/ostara/)

In der keltischen Tradition ist dieses Fest das Fest der britischen Seegöttin Morgana, auch Morgan Le Fay genannt. Rituell ist dieser Feiertag der Königin von Avalon und dem Feenland geweiht. Es ist die Zeit der Elfen, Feen, Zwerge und der Verehrung ihrer Plätze. Die Dolmen, Menhire oder Findlinge, welche als die Wohnstätten des kleinen Volkes angesehen werden, symbolisieren die Verbindung zur Unterwelt, aus welcher zu dieser Zeit die Kraft der Erneuerung wieder aus der Erde steigt und sich mit der Kraft der Sonne verbindet.

Besondere Beachtung wird ebenfalls dem Wasser zuteil als Sinnbild für das neue Leben. In Schottland werden noch heute die Quellen und Brunnen festlich geschmückt und rituell einer Weihe unterzogen.

MÄRCHEN: Frau Holle und die Flachsdiese
In Clausthal ernährten sich zwei arme Waisenmädchen kümmerlich durch Spinnen vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Sie verstanden wohl, was es heißt: „Spinnen am Morgen, Kummer und Sorgen!“ Besonders das eine Mädchen sah neidisch auf die Bergmannstöchter, die nur abends in der lustigen Gesellschaft der Spinnstube spannen: „Spinne am Abend, erquickend und labend!“ Das andere Mädchen erinnerte es des Mittags oft an den dritten Spruch, der da lautet: „Spinne am Mittag, Glück am dritten Tag.“ Aber der dritte Tag kam, und immer wieder blieb das Glück aus. Da wurde die Neidische lässig, ging früh zu Bett und stand spät auf, und das fleißige Mädchen hatte seine Not mit der faulen Schwester.
Nun kam Ostern , und am Abend flammten die Osterfeuer rings um die Stadt. Da eilte die Faule hinaus zur Kurzweil, während die Fleißige die Flachsdiese* noch leerspinnen wollte. Eben schlug es elf, da trat eine schöne Frau in die Stube, die trug ein langes weißes Kleid, hatte goldgelbe Haare und trug in der Hand eine Flachsdieße, weiß wie Silber und fein wie Seide. Mit freundlicher Stimme grüßte sie das gute Mädchen, das eben seinen letzten Flachs auf die Rolle laufen ließ, befühlte das Garn und sprach:
„Fleißige Liese, leer ist die Dieße, fein ist der Faden, bist wohl beraten.“
Dann berührte sie das Spinnrad mit der silbernen Diese, lächelte und verschwand. „Das war die Frau Holle“, sagte sich das Mädchen und ging zu Bett. Die Faule kam erst spät in der Nacht.
Am Ostermorgen fand die Fleißige ein goldenes Spinnrad und ihr Garn so fein und weiß, wie man noch keines gesehen hatte. Beim Abhaspeln wollte das Garn auf der Rolle kein Ende nehmen, sie mochte noch soviel abhaspeln, die Rolle blieb voll.
Die Faule aber fand auf ihrem Spinnrad statt des Flachses Stroh, und im Kasten hatte sich die Leinwand in Häcksel verwandelt. So lohnt Frau Holle die Fleißigen und straft die Faulen.

*(Flachs-)Dieße = Rockenstock; gedrechselter Stock mit Fußtritt, Werkzeug beim Spinnen

Märchen vom Harz, aus: Sigrid Früh,
Der Zauber des Frühlings, Timon Verlag, 2008

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Die zweite Haut – Die Gänsehirtin am Brunnen

Gleich zu Beginn der Geschichte liegt der Fokus auf der Alten. Sie fasziniert mich. Sie ist leicht, heiter, verspielt und gleichzeitig unbarmherzig, herrisch, klar, zielstrebig. Sie hält die Fäden der Geschichte, sie führt, fast könnte man meinen dirigiert, was zu tun ist.

Nachdem der Grafensohn durch den harten Aufstieg das Smaragdkästlein errungen hat, muss er unweigerlich in das fremde Königreich kommen. Wußte das die Alte? Hat sie ihm mit dem Kästlein den Weg gewiesen? Wie von Zauberhand fügt sich alles zusammen. Durch die Perle im Smaragdkästlein bekommen König und Königin Hoffnung, ihre verstoßene Tochter wieder zu finden und machen sich, gemeinsam mit dem Grafensohn, auf den Weg zur Alten.

Ist die Alte, die in diesem Märchen immer wieder als Hexe bezeichnet wird, die große Schicksalsfrau, z.B. die Sterne, die mich geneigt machen meinem Horoskop entsprechend zu handeln? Ist sie die Moira, das personifizierte Schicksal jedes Menschen? Ist sie eine der Nornen: Urd (Vergangenheit),Verdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft = das der Vergangenheit Geschuldete)? In vielen Kulturen taucht sie auf, alleine, zu zweit, als zwölf oder dreizehn, um das Lebensschicksal zu bestimmen. Dabei spinnt die eine den Lebensfaden, die andere teilt ihn zu, die dritte schneidet ihn ab.

Kann ich der Alten, dem Schicksal entgehen? Will ich ihm entgehen?

Der Grafensohn ist froh, die idyllische Einöde der Alten wieder verlassen zu können. Doch das Erlebnis hat ihn geprägt und lässt ihn nicht wieder los. Er muss seinen eigenen Weg gehen, verliert König und Königin aus den Augen und kommt zu einem Brunnen. Dort klettert er in einen der Eichbäume.

Hier kommt es zur Begegnung mit der Königstochter. Im Spiegel des Brunnens sieht er ihre strahlende Schönheit. Die hässliche Trullenhaut ist abgestreift.

Eine ehrliche Haut

Wenn ich mich wohl in meiner Haut fühle, dann könnte ich dich mit Haut und Haaren fressen. Das will ich hautnah miterleben, dann wieder könnte ich aus der Haut fahren. Es geht mir unter die Haut, wenn ich mich meiner Haut nicht erwehren kann, dann möchte ich meine Haut retten oder mir eine zweite Haut zulegen und hoffe sehr, daß ich mit heiler Haut davonkomme.

„Die Haut ist funktionell das vielseitigste Organ des menschlichen Organismus. Die Haut dient der Abgrenzung von Innen und Außen (Hüllorgan), dem Schutz vor Umwelteinflüssen, der Repräsentation, Kommunikation und Wahrung des inneren Gleichgewichts. Außerdem übernimmt die Haut wichtige Funktionen im Bereich des Stoffwechsels und der Immunologie und verfügt über vielfältige Anpassungsmechanismen.“ (aus: wikipedia)

Die Königstochter weiß nicht, daß sie beobachtet wird. Der junge Graf ist, für sie unsichtbar, im Baum verborgen. Und doch ist er hautnah dabei. Er wird Zeuge ihrer Häutung, ihrer Schutzhaut, ihrer Abgrenzung zwischen Innen und Außen. Er ist auch Zeuge ihrer Trauer, ihrer Tränen. Er erkennt sie in ihrer ganzen Schönheit.

Das hält er aus, auch wenn es dabei knackt. Sie flieht. Und doch ist sie entdeckt, erkannt. Das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, ebenso wenig, wie die Verstoßung der Königstochter. Wieder ist es die Alte, die der Trulle Anweisung gibt, sich nicht länger zu verbergen, sondern sich zu zeigen.

Die Alte als Schicksalsfrau, als Begleiterin auf unserem Lebensweg. Vielleicht begegnet sie Dir auch im Alltag. Schau Dir alte Frauen an, nimm ihre Ausstrahlung wahr und verbinde Dich immer mehr mit der Alten. Sie hat viel zu geben, viel zu sagen und vor allem: sie hat jede Menge Humor!

Alte