„Die Alte im Wald“ als Urmutter und Ahnin

Schon der Titel „Die Alte im Wald“, verweist auf ein wichtiges Thema des Märchens. Auch wenn die Alte erst im zweiten Teil des Märchens zur Sprache kommt, so ist sie doch eine zentrale Figur. Bei ihr findet die klassische Heldenprüfung statt: das ehemalige Dienstmädchen muss ins Haus der Alten eindringen, darf sie nicht grüßen und muss den schlichten Ring finden.

In vielen Märcheninterpretationen wird „die Alte“ als Mutter des Königssohns gesehen, die ihren Sohn nicht freigeben will und ihn deshalb verwandelt. Das Mädchen befreit ihn durch den Ring aus seiner Mutterbindung und er ist wieder Königssohn. Ich möchte hier einen anderen Blickwinkel beleuchten. Fangen wir beim Wald an.

Der Wald

Der Wald steht im Märchenbild für das Unbewusste und ist der ursprüngliche Lebensraum des Menschen, er bietet Nahrung und Schutz. Hier lebt das Mädchen und wird wie von Zauberhand durch helfende Bäume versorgt. Auch die Alte lebt im Wald. In diesem „Urwald“ zeigt sich die Gabe von Mutter Natur: sie behütet, beschützt, nährt und gibt Sicherheit. Hier kann das Mädchen nachdem es ihre Herrschaft verloren hat, wieder zu Kräften kommen, wird bedingungslos an- und aufgenommen. Hier, bei Mutter Erde, der Ur-Alten, der Groß(-en) Mutter, kann das Mädchen (wieder) zu sich selbst finden, herausfinden, wer es ist und was es will.

Das Mädchen

Durch den Tod der Herrschaft hat das Mädchen alles verloren, was ihm bekannt und vertraut war, auch seinen Status als Dienstmädchen. Das kennen wir alle auf die ein oder andere Weise. Durch verschiedenste Umstände, im Märchen die Räuber, werden wir aus unserem bisherigen vertrauten Leben herausgerissen und nichts ist mehr wie es vorher war: Arbeitsplatzwechsel, Umzug, Trennung, Krankheit oder der Tod eines nahestehenden Menschen, um nur einige Erfahrungen zu nennen. Im Wald erfährt das Mädchen nun Sicherheit und bekommt „alles, was es bedurfte“. Das ist genau das, was wir in solchen Umbrüchen, Schwellensituationen brauchen. Mit Nahrung und einem Bett sind die Grundbedürfnisse befriedigt, mehr verlangt das Mädchen nicht. Im dritten Baum aber findet sich noch mehr: die königlichen Kleider weisen auf die Zukunft hin, auf das, was kommt. Im Wald, im Unbewussten finden sich unsere Gaben und Fähigkeiten, unsere Ressourcen und Potentiale. In dem armen Dienstmädchen steckt das Potential einer Königin. Das Gesetz des Lebens sagt, nur wer dienen kann, kann auch herrschen. Der König, die Politikerin, der Staat hat seinem/ihrem Volk zu dienen.

Die Alte

Die Alte lässt sich leicht auch als „das Alte“ assoziieren. Was an Altem hindert mich daran, mein Leben wirklich frei zu gestalten? Ich muss dem Alten begegnen ohne auf es einzugehen – das Mädchen darf nicht grüßen; ich darf mich nicht von ihm aufhalten lassen – das Mädchen macht sich los, als die Alte es am Rock fasst und muss den Ring finden, Symbol der Einheit, Ganzheit – um erlöst zu sein.

Vielleicht ist die Alte aber noch viel mehr, als nur das Muster, das ich in meinem Leben immer wieder wiederhole. Manchmal hindern uns nicht nur unsere Erlebnisse und Vorstellungen, sondern übernommene Werte, Erfahrungen unserer Ahnen machen es uns unmöglich, neue Erfahrungen zu machen. Wie unter Zwang wiederholen wir immer wieder das, was über Generationen geprägt wurde, manchmal ohne davon zu wissen. Bei uns Frauen sind das z.B. Perfektionszwang – alles muss perfekt sein, ich darf mir keine Fehler erlauben; Unselbständigkeit – ich bin ja nur eine Frau; oder übertriebene Eigenständigkeit – ich brauche keine Hilfe, ich brauche keinen Mann, ich kann alles allein. Dies sind nur einige Beispiele, die mir in jahrelanger Gruppen- und Einzelarbeit und meiner eigenen Biographie immer wieder begegnet sind.

Die Ahnen wirken auf unterschiedliche Weise in unserem Leben. Da gibt es die wohlgesinnten Ahnen, die uns fördern und unterstützen, sozusagen in unserem Rücken stehen, um unseren Weg zu begleiten. Sie wollen das wir weiter gehen, als sie selbst gegangen sind, sie geben uns ihren Segen und wirken als hilfreiche Helfer im Märchen. Hätte die Alte nicht den Käfig beiseitegeschafft, vielleicht hätte das Mädchen den Vogel mit dem schlichten Ring gar nicht entdeckt. Die unerlösten Ahnen geben ihre Themen an die nächste oder übernächste Generation weiter. Sie konnten das Problem selbst nicht lösen und so wird es nun über Generationen weitervererbt.

In diesem Märchen scheint es beide Aspekte in der Alten zu geben. Für den Königssohn ist sie eine böse Hexe, denn sie hat ihn verzaubert, er konnte nicht er selbst sein. Für das Mädchen erscheint sie als hilfreich: sie „prüft“ es zwar, indem sie freundlich grüßt und am Rock festhält, aber wenn sie eine so mächtige Hexe ist, warum verzaubert sie das Mädchen nicht, im Gegenteil unterstützt sie sogar darin, den schlichten Ring zu finden? Hier ist sie die wohlgesinnte Ahnin, die uns in unserer Entwicklung fördert und begleitet.

Übung Zukunftsvision

Ich lade Dich zu einem Waldspaziergang ein. Suche Dir eine Schwelle, (z.B. einen Stock) und gehe bewusst über diese Schwelle in die Märchen- oder Anderswelt. Wenn Du jetzt Deinen Weg gehst, achte mit all Deinen Sinnen darauf, was Dir begegnet. So wie dem Mädchen drei Schlüssel gegeben werden, werden Dir auf Deinem Spaziergang drei Symbole/Bilder/Erlebnisse begegnen, die für Dich Schlüssel auf Deinem persönlichen Lebensweg sein können. Betrachte Dir die drei Symbole/Aspekte, die Dir auf Deinem Spaziergang gezeigt wurden. Vielleicht weißt Du sofort, was sie bedeuten, vielleicht erschließen sie sich nicht auf dem ersten Blick. Wie mit den Märchenbildern ist es auch mit solchen Symbolen: nach und nach werden sie ihre Bedeutung für Dich eröffnen.

Dann überschreite wieder die Schwelle und kehre in diese Welt zurück.

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Heilsames Erzählen – Die Kraft der Elemente

Heilsames Erzählen

Wenn ich mich als Kind verletzt habe, sang mir meine Mutter das Lied „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein wird schon wieder besser sein, drei Tage Schnee, tut schon nimmer weh.“ Dabei saß ich auf ihrem Schoss, und sie hat mich in ihren Armen gewiegt. Während sie sang strich sie mit ihrer Hand über die Verletzung. Und – oh Wunder – mein Schreien, mein Schluchzen, mein Heulen wurde langsam ruhiger und ebbte schließlich ab. Wenn der Sturz nicht allzu schlimm war, sprang ich schnell wieder auf und spielte weiter.

War es ihre Zuneigung, ihre Nähe, ihr Wiegen? War es dieser magische Zauberspruch, den sie wie eine geheime Beschwörung sang? War es ihre Hand auf der Wunde, dem Schmerz?

Wenn es richtig schlimm war, ging es zum Arzt, mein Knie wurde genäht, mein Knöchel geröntgt, ob auch ja nichts gebrochen war. Die Krankheit wurde in die Hände des Arztes gelegt, zur Heilung des Körpers. Die seelische Heilung aber lag ganz in den Armen meiner Mutter. Sie war die große Göttin, die mit meinem Schmerz war, ihn hielt und ertrug und die innere Wunde heilte. Ihre Beschwörung machte mir klar, dass alles wieder gut wird. Sie war die Heilerin, die Schamanin, die mich wieder gesund machte, der ich mein Leben voll und ganz anvertraute.

Halten wir für einen Augenblick inne und wenden uns der rituellen Beschwörungsformel zu: „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein wird schon wieder besser sein, drei Tage Schnee, tut schon nimmer weh.“

Tradition – Erde – Halten

Es ist ein traditionelles Volkslied, das unter der Kategorie Trostlied in D-Dur, im 4/4 Takt zu singen ist. Hugo Riemann definiert das Volkslied in seinem 1916 erschienen Musiklexikon folgendermaßen: „Volkslied heißt entweder ein Lied, das im Volke entstanden ist (d. h. dessen Dichter und Komponist nicht mehr bekannt sind), oder eins, das in den Volksmund übergegangen ist, oder endlich eins, das ‚volksmäßig‘, d. h. schlicht und leichtfasslich in Melodie und Harmonie komponiert ist.“

Ein ganzes Volk singt oder sang dieses Lied. Es wird von Generation zu Generation weiter gegeben und ich bin sicher, hätte ich Kinder, auch ich hätte sie mit diesen Worten und diesem Ritual getröstet. Eine große Kraft liegt in volkstümlichen Überlieferungen, die über Generationen, Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende tradiert wurden. Die Kraft eines ganzen Volkes, die Kraft eines Clans, einer Familie, die Kraft einer Gemeinschaft wirkt in ihnen und über die Zeit. Von Jahr zu Jahr wächst diese Kraft, das morphogenetische (formgebende) Feld dehnt und weitet sich in alle Richtungen. Das ist die erste Heilkraft – tradiert über Generation. Je älter die Überlieferung, desto tiefer seine Wirkung. Tradition entspricht dem Element Erde und wirkt in den Volksüberlieferungen, Märchen, Mythen und Geschichten.

Rhythmus – Wasser – Geben

Wenden wir uns dem Lied zu. Es ist ein Reim, der einen Rhythmus aufweist, auch wenn ich ihn nicht singe, sondern nur spreche. Die zweite Heilkraft – Rhythmus. Wie der eigene Herzschlag, der Atem, die Gezeiten, Mond und Sonne, Leben und Tod – wir sind eingebunden in einem Rhythmus. Alles war wir tun ist Rhythmus, ob uns das nun bewusst ist, oder nicht. Rhythmus entspricht regelmäßigen Abfolgen und findet sich in der Biologie, der Sprache, Musik, Dichtung und Dramaturgie. Die Mutter hat ihren Rhythmus, das Kind seinen, das Lied folgt einem Rhythmus. Das Lied webt eine Verbindung zwischen Mutter, Kind und Lied, die Geschichte zwischen Erzähler/in, Zuhörer/in und Geschichte. Es ist ein ineinanderfließen, es ist ein gemeinsames. Wenn einer sich entzieht, kann sich die Heilkraft von Rhythmus nicht entfalten. Rhythmus hilft uns miteinander zu schwingen, ineinander zu fließen und eine Einheit zu werden. Rhythmus ordne ich dem Element Wasser zu.

Worte – Luft – Empfangen

Lauschen wir den Worten: „Heile, Heile“ – hier wird die Beschwörung deutlich, es ist eine Anrufung. Wer oder was, welche Kraft wird hier gerufen, um zu heilen, um Segen zu bringen?

Segen ist entlehnt aus lateinisch „Signum“, also Zeichen, Abzeichen, Kennzeichen. Es wird ein Zeichen gesetzt. Ist sich die Mutter dieses Segens bewusst? Mit welcher Absicht spricht sie den Segen aus?

Dreimal drei Tage – die Zahl drei symbolisiert Körper, Geist, Seele; Fühlen, Denken, Wollen/Handeln; Alltagswelt, Anderswelt, Götterwelt.

Am Ende des Verses werden die Naturgeister, die Naturkräfte, die Naturgewalten angerufen; Regen, Sonne und Schnee. Sind es die Jahreszeiten? Regen für den Frühling, Sonne für den Sommer, Schnee für den Winter? Eher selten bis gar nicht gibt es solche Wetterfolgen innerhalb von 3×3 Tagen. Der Hintergrund ist vergessen, verloren, aber das Lied ist geblieben und wird bis heute als Trostlied gesungen. Die Naturkräfte werden zur Heilung herbeigerufen, ein Zyklus, eine Abfolge wird beschrieben.

Ganz nach dem Motto „Am Anfang war das Wort“ entsprechen die Worte dem Element Luft und beinhalten die dritte Heilkraft. Hier steht immer die Frage nach der Botschaft: was will ich vermitteln, was ist der Hintergrund, welche Kräfte wecke ich? Beim Erzählen geht um ein achtsames, bewusstes Umgehen mit der Kraft der Worte und um ein inneres Wissen um ihre Bedeutung.

Handlung – Feuer – Bestimmen

Die Überlieferung, der Rhythmus, die Worte sind eingebettet in die Handlung. Das Singen oder Sprechen, die Nähe der Mutter, ihr Wiegen, ihre Berührung oder das „energetische“ Streicheln einige Zentimeter über der Haut sind der vierte Akt zur Heilung. Handeln, behandeln, Hand anlegen weist auf das Element Feuer hin durch das aktive Tun. Das Handeln macht das Ritual erst vollkommen. Ohne Handeln können die anderen Teile nicht heilend wirken. Handlung kennzeichnet auch das Märchen; der Märchenheld überlegt nicht, er handelt, er macht sich auf den Weg, bewältigt die Aufgaben, die vor ihm liegen und nimmt sein Leben in die Hand.

Als Kind bewirkte dieses rituelle Singen immer Wunder bei mir. Bis heute bin ich fasziniert von seiner prompten und (meist) absoluten Wirkung. Vielleicht war ich  damals der Anders- und Götterwelt viel näher als heute…

Den Elementen Raum geben

Überall im Alltag begegnen uns die Elemente. Die Sonne, die vom Himmel brennt oder das Feuer, das unser Herz entfacht, der frische Wind, der uns kühlt oder der Sturm, der uns aufwühlt, die Erde, die uns trägt und uns Werden und Vergehen Tag für Tag vor Auggen hält und das Wasser als Regen, als Träne oder gar als Tsunami, der uns in die Tiefe zieht. Ich lade Sie ein die kommenden Tage den Elementen zu widmen. Öffnen Sie ihre Sinne und lassen sie sich von den Elementen berühren, entfachen, verwirren und ankommen.

24.-26.8.2018 Seminar in Hannover „Die archetypische Kraft der Märchen“
mit „Der Eisenofen“, Grimm und den 5 Schilden (Animus, Erwachsener, Kind, Älteste/r, kleines Volk). Leitung: Renate Paula Höfle.

28.-30.9.2018 Erzählausbildung „Heilsames Erzählen“
Einführungsseminar in Hannover mit Jana Raile