Die zweite Haut – Die Gänsehirtin am Brunnen

Gleich zu Beginn der Geschichte liegt der Fokus auf der Alten. Sie fasziniert mich. Sie ist leicht, heiter, verspielt und gleichzeitig unbarmherzig, herrisch, klar, zielstrebig. Sie hält die Fäden der Geschichte, sie führt, fast könnte man meinen dirigiert, was zu tun ist.

Nachdem der Grafensohn durch den harten Aufstieg das Smaragdkästlein errungen hat, muss er unweigerlich in das fremde Königreich kommen. Wußte das die Alte? Hat sie ihm mit dem Kästlein den Weg gewiesen? Wie von Zauberhand fügt sich alles zusammen. Durch die Perle im Smaragdkästlein bekommen König und Königin Hoffnung, ihre verstoßene Tochter wieder zu finden und machen sich, gemeinsam mit dem Grafensohn, auf den Weg zur Alten.

Ist die Alte, die in diesem Märchen immer wieder als Hexe bezeichnet wird, die große Schicksalsfrau, z.B. die Sterne, die mich geneigt machen meinem Horoskop entsprechend zu handeln? Ist sie die Moira, das personifizierte Schicksal jedes Menschen? Ist sie eine der Nornen: Urd (Vergangenheit),Verdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft = das der Vergangenheit Geschuldete)? In vielen Kulturen taucht sie auf, alleine, zu zweit, als zwölf oder dreizehn, um das Lebensschicksal zu bestimmen. Dabei spinnt die eine den Lebensfaden, die andere teilt ihn zu, die dritte schneidet ihn ab.

Kann ich der Alten, dem Schicksal entgehen? Will ich ihm entgehen?

Der Grafensohn ist froh, die idyllische Einöde der Alten wieder verlassen zu können. Doch das Erlebnis hat ihn geprägt und lässt ihn nicht wieder los. Er muss seinen eigenen Weg gehen, verliert König und Königin aus den Augen und kommt zu einem Brunnen. Dort klettert er in einen der Eichbäume.

Hier kommt es zur Begegnung mit der Königstochter. Im Spiegel des Brunnens sieht er ihre strahlende Schönheit. Die hässliche Trullenhaut ist abgestreift.

Eine ehrliche Haut

Wenn ich mich wohl in meiner Haut fühle, dann könnte ich dich mit Haut und Haaren fressen. Das will ich hautnah miterleben, dann wieder könnte ich aus der Haut fahren. Es geht mir unter die Haut, wenn ich mich meiner Haut nicht erwehren kann, dann möchte ich meine Haut retten oder mir eine zweite Haut zulegen und hoffe sehr, daß ich mit heiler Haut davonkomme.

„Die Haut ist funktionell das vielseitigste Organ des menschlichen Organismus. Die Haut dient der Abgrenzung von Innen und Außen (Hüllorgan), dem Schutz vor Umwelteinflüssen, der Repräsentation, Kommunikation und Wahrung des inneren Gleichgewichts. Außerdem übernimmt die Haut wichtige Funktionen im Bereich des Stoffwechsels und der Immunologie und verfügt über vielfältige Anpassungsmechanismen.“ (aus: wikipedia)

Die Königstochter weiß nicht, daß sie beobachtet wird. Der junge Graf ist, für sie unsichtbar, im Baum verborgen. Und doch ist er hautnah dabei. Er wird Zeuge ihrer Häutung, ihrer Schutzhaut, ihrer Abgrenzung zwischen Innen und Außen. Er ist auch Zeuge ihrer Trauer, ihrer Tränen. Er erkennt sie in ihrer ganzen Schönheit.

Das hält er aus, auch wenn es dabei knackt. Sie flieht. Und doch ist sie entdeckt, erkannt. Das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, ebenso wenig, wie die Verstoßung der Königstochter. Wieder ist es die Alte, die der Trulle Anweisung gibt, sich nicht länger zu verbergen, sondern sich zu zeigen.

Die Alte als Schicksalsfrau, als Begleiterin auf unserem Lebensweg. Vielleicht begegnet sie Dir auch im Alltag. Schau Dir alte Frauen an, nimm ihre Ausstrahlung wahr und verbinde Dich immer mehr mit der Alten. Sie hat viel zu geben, viel zu sagen und vor allem: sie hat jede Menge Humor!

Alte

Advertisements

König Lindwurm

König Lindwurm - Interpretation eines Märchens von Jana Raile

Es war einmal ein König, der hatte eine wunderschöne Königin. Als sie Hochzeit hatten und in der ersten Nacht zu Bett gingen, war nichts auf ihrem Bett geschrieben; aber als sie aufstanden, war darauf zu lesen, dass sie keine Kinder haben würden.“ Eine Prophezeiung, an der nicht zu rütteln ist. Der König wird traurig, die Königin versinkt in Gedanken… die intuitive, weibliche Seite will sich nicht mit der Tatsache abfinden und findet tatsächlich einen Weg. Einen Weg, der gefahrvoll und abenteuerlich ist.

Mit welcher Prophezeiung bin ich wohl eines Tages aufgewacht, oder Du? Was wird auf keinen Fall passieren? Was darf auf keinen Fall passieren?

Wir alle tragen unbewusste Glaubenssätze in uns, die uns in unserer Entwicklung hindern oder sie umso schwerer machen. Doch wenn wir die Augen aufhalten, in Gedanken versinken, dann findet sich immer eine Möglichkeit aus diesen Glaubenssätzen auszubrechen und frei zu werden.

Die Anweisung der Alten ist klar und deutlich. Warum also isst die Königin auch noch die zweite Blume? Wie immer im Märchen, reizt natürlich gerade das Verbotene, das Tabu. Welches Tabu muss hier gebrochen werden? Welche Tabus trage ich mit mir herum? „Aber die schmeckte so vorzüglich“, heißt es im Märchen. Da gibt es also Vorzüge (hinter den Tabus), die die Königin noch nicht kannte. Wenn wir uns über die gesetzten Grenzen hinauswagen (die eigenen oder die der Gesellschaft), dann entdecken wir Neues. Auch die Lust spielt hier eine große Rolle. Lustvolles erleben im Augenblick – das allerdings ist nicht gewollt in unserer Gesellschaft, nicht vorgesehen. Kein Wunder also, dass ein über die Grenzen hinweg setzen, einen Lindwurm gebiert.

Wir haben bestimmte Vorstellungen davon, wie unser Leben sein soll(te), aber das Leben hat oft ganz andere Pläne. Manchmal erscheinen sie uns grausam und schrecklich („gebar sie einen Lindwurm“), wir wehren uns mit allen Mitteln („Bin ich dein Vater?“) und dann frisst dieses Ungeheuer auch noch eine Schönheit (Vorstellungen, Wünsche, Träume?) nach der anderen.

Wie werde ich Herr über meinen eigenen inneren Lindwurm? Was sind seine Qualitäten, seine Vorzüge unter den sieben oder neun Häuten? Wie, wann wirkt der Lindwurm nicht mehr vernichtend, zerstörend, sondern glückbringend?

Wieder kommt die Alte ins Spiel und auch diesmal gibt sie klare Anweisungen. Die Schäferstochter hält sich an die Anweisungen und hat gute Gründe dafür; sie weiß, ansonsten kostet es sie ihr Leben.

Was für ein Akt! Wieviel Mut gehört dazu, sich diesem Lindwurm entgegen zu stellen. Schon allein bei dem Gedanken zittern mir die Knie. Warum sollte ich mich diesem Ungeheuer aussetzen, wieso sollte ich über meine persönlichen Grenzen hinausgehen? Das Märchen sagt: erst in lebensbedrohlichen Situationen sind wir dazu bereit. Das Reich ist bedroht, mein Königreich, mein eigenes Leben.

In Sterbeprozessen kann man die Häutung oft sehr eindrucksvoll erleben, es ist ein Kampf und dann ein innerer Frieden, der sich ausbreitet. In Trauerprozessen spiegeln sich dieselben Prozesse des Sterbens, denn wir müssen den Verstorbenen wirklich gehen lassen und sind gezwungen, uns zu verändern, weil wir sonst mitsterben. Aber auch bei lebensbedrohlichen Krankheiten, Depression, in persönlichen Krisen, bei Trennung, Verlust von Arbeit, Freundschaft, sozialen Kontakten etc. sind wir mit der notwendigen Häutung konfrontiert. JedeR muss für sich selbst herausfinden, wofür die Häute stehen.

Die Zahl sieben setzt sich zusammen aus 4+3. Die Vier konfrontiert mit der irdischen Realität, die drei mit der geistigen Wirklichkeit. Die Zahl neun steht für 3×3, also einer potenzierten geistigen Wirklichkeit. Die Realität steht für alles, was wir im Alltag verändern müssen, d.h. den Schweinehund überwinden, ins Tun kommen, Handeln statt (aus-)halten. Die geistige Wirklichkeit steht für alle Glaubenssätze, die oft so unbewusst verankert sind, dass wir nur schwer Zugang zu ihnen finden. Welches sind die gesellschaftlichen oder familiären Tabus mit denen ich aufgewachsen bin, welches sind die Glaubenssätze, die sich tief in mir eingeprägt haben und mich an der Entfaltung und Verwirklichung meines ganzen Potentials hindern? Wenn wir diesen geistigen Fallstricken auf die Schliche kommen, sie erkennen, anerkennen, aussprechen, lösen sie sich meist von selbst.

Ein russisches Sprichwort sagt: „Schnell ist das Märchen erzählt, langsam die Tat getan“. Die Häutung des Lindwurms ist einer der schwierigsten Herausforderungen unseres Lebens und ein lebenslanger Prozess. „König Lindwurm“ ist ein archaisches Märchen, das an die Substanz geht und unser Leben in Frage stellt. Hier geht es nicht nur um ungelebte Wünsche und Träume, hier geht es um die persönliche Lebensaufgabe, mit der wir in dieser Welt angetreten sind. Ein großes Thema, gewaltig verpackt und bedingungslos.

Ich wünsche uns die Kraft der Schäferstochter, ihr Durchhaltevermögen, ihre Bedingungslosigkeit.

Kurzfassung: http://www.maerchenwirkstattulm.de/lindwurm.htm
Langversion: http://www.maerchenlexikon.de/texte/te433B-001.htm