Heilsames Erzählen – Die Kraft der Elemente

Heilsames Erzählen

Wenn ich mich als Kind verletzt habe, sang mir meine Mutter das Lied „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein wird schon wieder besser sein, drei Tage Schnee, tut schon nimmer weh.“ Dabei saß ich auf ihrem Schoss, und sie hat mich in ihren Armen gewiegt. Während sie sang strich sie mit ihrer Hand über die Verletzung. Und – oh Wunder – mein Schreien, mein Schluchzen, mein Heulen wurde langsam ruhiger und ebbte schließlich ab. Wenn der Sturz nicht allzu schlimm war, sprang ich schnell wieder auf und spielte weiter.

War es ihre Zuneigung, ihre Nähe, ihr Wiegen? War es dieser magische Zauberspruch, den sie wie eine geheime Beschwörung sang? War es ihre Hand auf der Wunde, dem Schmerz?

Wenn es richtig schlimm war, ging es zum Arzt, mein Knie wurde genäht, mein Knöchel geröntgt, ob auch ja nichts gebrochen war. Die Krankheit wurde in die Hände des Arztes gelegt, zur Heilung des Körpers. Die seelische Heilung aber lag ganz in den Armen meiner Mutter. Sie war die große Göttin, die mit meinem Schmerz war, ihn hielt und ertrug und die innere Wunde heilte. Ihre Beschwörung machte mir klar, dass alles wieder gut wird. Sie war die Heilerin, die Schamanin, die mich wieder gesund machte, der ich mein Leben voll und ganz anvertraute.

Halten wir für einen Augenblick inne und wenden uns der rituellen Beschwörungsformel zu: „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein wird schon wieder besser sein, drei Tage Schnee, tut schon nimmer weh.“

Tradition – Erde – Halten

Es ist ein traditionelles Volkslied, das unter der Kategorie Trostlied in D-Dur, im 4/4 Takt zu singen ist. Hugo Riemann definiert das Volkslied in seinem 1916 erschienen Musiklexikon folgendermaßen: „Volkslied heißt entweder ein Lied, das im Volke entstanden ist (d. h. dessen Dichter und Komponist nicht mehr bekannt sind), oder eins, das in den Volksmund übergegangen ist, oder endlich eins, das ‚volksmäßig‘, d. h. schlicht und leichtfasslich in Melodie und Harmonie komponiert ist.“

Ein ganzes Volk singt oder sang dieses Lied. Es wird von Generation zu Generation weiter gegeben und ich bin sicher, hätte ich Kinder, auch ich hätte sie mit diesen Worten und diesem Ritual getröstet. Eine große Kraft liegt in volkstümlichen Überlieferungen, die über Generationen, Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende tradiert wurden. Die Kraft eines ganzen Volkes, die Kraft eines Clans, einer Familie, die Kraft einer Gemeinschaft wirkt in ihnen und über die Zeit. Von Jahr zu Jahr wächst diese Kraft, das morphogenetische (formgebende) Feld dehnt und weitet sich in alle Richtungen. Das ist die erste Heilkraft – tradiert über Generation. Je älter die Überlieferung, desto tiefer seine Wirkung. Tradition entspricht dem Element Erde und wirkt in den Volksüberlieferungen, Märchen, Mythen und Geschichten.

Rhythmus – Wasser – Geben

Wenden wir uns dem Lied zu. Es ist ein Reim, der einen Rhythmus aufweist, auch wenn ich ihn nicht singe, sondern nur spreche. Die zweite Heilkraft – Rhythmus. Wie der eigene Herzschlag, der Atem, die Gezeiten, Mond und Sonne, Leben und Tod – wir sind eingebunden in einem Rhythmus. Alles war wir tun ist Rhythmus, ob uns das nun bewusst ist, oder nicht. Rhythmus entspricht regelmäßigen Abfolgen und findet sich in der Biologie, der Sprache, Musik, Dichtung und Dramaturgie. Die Mutter hat ihren Rhythmus, das Kind seinen, das Lied folgt einem Rhythmus. Das Lied webt eine Verbindung zwischen Mutter, Kind und Lied, die Geschichte zwischen Erzähler/in, Zuhörer/in und Geschichte. Es ist ein ineinanderfließen, es ist ein gemeinsames. Wenn einer sich entzieht, kann sich die Heilkraft von Rhythmus nicht entfalten. Rhythmus hilft uns miteinander zu schwingen, ineinander zu fließen und eine Einheit zu werden. Rhythmus ordne ich dem Element Wasser zu.

Worte – Luft – Empfangen

Lauschen wir den Worten: „Heile, Heile“ – hier wird die Beschwörung deutlich, es ist eine Anrufung. Wer oder was, welche Kraft wird hier gerufen, um zu heilen, um Segen zu bringen?

Segen ist entlehnt aus lateinisch „Signum“, also Zeichen, Abzeichen, Kennzeichen. Es wird ein Zeichen gesetzt. Ist sich die Mutter dieses Segens bewusst? Mit welcher Absicht spricht sie den Segen aus?

Dreimal drei Tage – die Zahl drei symbolisiert Körper, Geist, Seele; Fühlen, Denken, Wollen/Handeln; Alltagswelt, Anderswelt, Götterwelt.

Am Ende des Verses werden die Naturgeister, die Naturkräfte, die Naturgewalten angerufen; Regen, Sonne und Schnee. Sind es die Jahreszeiten? Regen für den Frühling, Sonne für den Sommer, Schnee für den Winter? Eher selten bis gar nicht gibt es solche Wetterfolgen innerhalb von 3×3 Tagen. Der Hintergrund ist vergessen, verloren, aber das Lied ist geblieben und wird bis heute als Trostlied gesungen. Die Naturkräfte werden zur Heilung herbeigerufen, ein Zyklus, eine Abfolge wird beschrieben.

Ganz nach dem Motto „Am Anfang war das Wort“ entsprechen die Worte dem Element Luft und beinhalten die dritte Heilkraft. Hier steht immer die Frage nach der Botschaft: was will ich vermitteln, was ist der Hintergrund, welche Kräfte wecke ich? Beim Erzählen geht um ein achtsames, bewusstes Umgehen mit der Kraft der Worte und um ein inneres Wissen um ihre Bedeutung.

Handlung – Feuer – Bestimmen

Die Überlieferung, der Rhythmus, die Worte sind eingebettet in die Handlung. Das Singen oder Sprechen, die Nähe der Mutter, ihr Wiegen, ihre Berührung oder das „energetische“ Streicheln einige Zentimeter über der Haut sind der vierte Akt zur Heilung. Handeln, behandeln, Hand anlegen weist auf das Element Feuer hin durch das aktive Tun. Das Handeln macht das Ritual erst vollkommen. Ohne Handeln können die anderen Teile nicht heilend wirken. Handlung kennzeichnet auch das Märchen; der Märchenheld überlegt nicht, er handelt, er macht sich auf den Weg, bewältigt die Aufgaben, die vor ihm liegen und nimmt sein Leben in die Hand.

Als Kind bewirkte dieses rituelle Singen immer Wunder bei mir. Bis heute bin ich fasziniert von seiner prompten und (meist) absoluten Wirkung. Vielleicht war ich  damals der Anders- und Götterwelt viel näher als heute…

Den Elementen Raum geben

Überall im Alltag begegnen uns die Elemente. Die Sonne, die vom Himmel brennt oder das Feuer, das unser Herz entfacht, der frische Wind, der uns kühlt oder der Sturm, der uns aufwühlt, die Erde, die uns trägt und uns Werden und Vergehen Tag für Tag vor Auggen hält und das Wasser als Regen, als Träne oder gar als Tsunami, der uns in die Tiefe zieht. Ich lade Sie ein die kommenden Tage den Elementen zu widmen. Öffnen Sie ihre Sinne und lassen sie sich von den Elementen berühren, entfachen, verwirren und ankommen.

24.-26.8.2018 Seminar in Hannover „Die archetypische Kraft der Märchen“
mit „Der Eisenofen“, Grimm und den 5 Schilden (Animus, Erwachsener, Kind, Älteste/r, kleines Volk). Leitung: Renate Paula Höfle.

28.-30.9.2018 Erzählausbildung „Heilsames Erzählen“
Einführungsseminar in Hannover mit Jana Raile

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„Die Bilder wirken für sich“ Erzählkünstlerin Jana Raile zur Trauerarbeit mit Märchen

Die Sterne fallen vom Himmel

Sprachlosigkeit. Keine Worte. Eine Erfahrung, die viele Menschen machen angesichts von Sterben und Tod. Erzählkünstlerin Jana Raile zeigt, dass dies nicht so bleiben muss. Märchen können eine Brücke bauen zwischen dem Hier und dem Noch-Nicht, zwischen der eigenen Fassungslosigkeit und den Erfahrungen, die Menschen über die Jahrhunderte gemacht haben.

Märchen erscheinen manchmal phantastisch, manchmal grausam. Warum eigenen sie sich besonders für die Trauerarbeit? Wie passt das zusammen?Für mich sind Märchen Weggeschichten. Sie zeigen Wege auf. Aber sie zeigen auch, dass man sich auf den Weg machen muss. Und das ist ja tatsächlich etwas, das in der Sterbe- und Trauerbegleitung das Wesentliche ist. Der Sterbende macht sich auf den Weg in die Anderswelt und der Trauernde steht plötzlich vor der Situation, dass alles anders ist. Er kann sein Leben, so wie es bisher war, nicht mehr weiterleben. Er muss sich auf den Weg machen. Deshalb sind für mich Märchen so ideal. Sie zeigen, wie man neue Wege gehen kann, unbekannte Wege. Wege, vor denen ich vielleicht Angst habe. Vielleicht muss ich dabei auch einen Drachen besiegen oder in einen Brunnen springen, aber es sind Wege, die sich eröffnen.

Verstehen wir alle denn noch diese Bilder?
Bei den Märchen geht es nicht um den Verstand. Logisch und vom Verstand her sind sie total unsinnig. Man kann nicht in den Brunnen springen und auf einer Blumenwiese landen. Aber es ist so, dass ein anderer Teil in uns, sagen wir das Herz, das Gefühl oder die Seele diese Bilder versteht. Es sind uralte Bilder, wie sie auch in Träumen immer wieder auftauchen. Sie sind Teil eines Urwissens, das die ganze Menschheit umfasst. Uralte Bilder vom Sein und vom Wesen der Dinge.

Wie kommt es, dass in Grenzsituationen Bilder in uns aufsteigen, die das Unaussprechliche zu fassen versuchen?
Ich glaube, dass gerade Grenzsituationen uns dahin bringen, einen Zugang zu diesen Bildern zu entwickeln. Wir stehen vor einer Situation, wie wir sie noch nie erlebt haben. Das ist ein Schock, aber auch ein Zugang, der neue Welten öffnet und das machen Märchen auch. Märchenhelden können sich zwischen Diesseits und Jenseits hin- und herbewegen. Sie sind nicht so strikt an die Realität gebunden wie wir. Das ist der Grund, warum in Grenzsituationen diese Bilder in uns aufsteigen und auch verständlich sind. Verständlich nicht für den Kopf, aber dass ich Trost finde. Dass ich plötzlich merke, dass ich tiefer durchatme, dass ich ruhiger werde. Dass ich mich für einen Augenblick entspannen und den Stress und die Sorgen loslassen kann.

Gibt es Märchen, die angesichts von Sterben und Tod eine besondere Rolle spielen?
Für mich das schönste Märchen und wahrscheinlich auch das bekannteste ist Sterntaler von den Brüdern Grimm. Das ist eine wunderschöne Geschichte. Es geht ums Loslassen. Das Mädchen hat schon viel verloren und dann gibt es auch noch das Stückchen Brot, das es hat, weg. Es gibt die Mütze weg, den Mantel, den Rock und am Ende hat es gar nichts mehr. Dann fallen die Sterne vom Himmel. Das ist für mich das schönste Bild. Es zeigt mir, auch wenn ich einen Menschen oder mein eigenes Leben loslassen muss, kommt danach etwas Unvorstellbares. Es fallen die Sterne vom Himmel. Für Sterbende kann das ein schöner Ausblick sein, auf das, was vielleicht kommt. Ein Trauernder wird vielleicht sagen: Für mich fallen aber gerade keine Sterne vom Himmel. Aber seine Seele hat es gehört und dieses Bild wirkt. Viele sagen, wenn sie durch ihren Trauerprozess hindurchgegangen sind: Ich habe viel Schmerz erlebt, ich habe viel gelitten. Heute bin ich reicher, als ich damals war. Wie Sterntaler.

Eignen sich die Märchen für jedes Alter – vom Kind bis zum Greis?
Die meisten Märchen sind für alle Generationen geeignet und auch für alle Kulturen. Da gibt es viele Parallelen. Sterntaler, Frau Holle, Schneewittchen – all diese Märchen sprechen eine kollektive Sprache. Sie sind unabhängig von der persönlichen Geschichte eines Menschen. Sie erzählen vom Weg an sich, der gegangen werden muss. Jede Altersstufe holt sich das heraus, was ihr besonders wichtig ist.

Material und Anleitung für Betroffene und Betreuer
Material und Anleitung für Betroffene und Betreuer

Nun stehe ich dem sterbenden Angehörigen gegenüber und Märchen waren lange Zeit kein Thema. Kann ich einfach so loslegen?
Man sollte die Geschichte vorher einmal selbst laut für sich lesen. Märchenbilder entwickeln sich am besten durch das gesprochene Wort. Dann werden sie lebendig. Zudem sollte man nur das erzählen, was man selbst mag und nicht, weil andere sagen, es könnte wertvoll sein. Wenn mein Herz für ein Märchen schlägt, dann erzähle ich es.

Und nach dem Vorlesen?
Dann braucht es weiter erst einmal gar nichts. Manchmal kann Stille ein wunderschönes Erlebnis sein. Jeder kann seinen Bildern nachhängen. Was kommt, kann man einfach kommen lassen. Stille oder auch Sätze, die scheinbar aus dem Zusammenhang gerissen sind. Vielleicht hat das Märchen eine Tür geöffnet, noch einmal Wünsche anzusprechen. Man kann das Erzählen auch in Rituale einbetten. Vielleicht lasse ich, wenn ich Sterntaler erzählt habe, am Ende noch ein paar Glitzersterne vom Himmel fallen. Oder ich zünde eine Kerze an, wenn ich anfange zu erzählen und lösche sie am Ende wieder aus. Das Schöne bei Märchen ist, man muss nicht darüber reden. Die Bilder wirken für sich.

Das Interview führte Bärbel Reichelt

SEMINAR „Trauerbegleitung mit Märchen“ vom 10.-12. März 2017 in Hannover, ZEB-Stephansstift, Kirchröder Str. 44
http://erzaehlausbildung.de/trauerbegleitung-mit-maerchen.html