„Die Bilder wirken für sich“ Erzählkünstlerin Jana Raile zur Trauerarbeit mit Märchen

Die Sterne fallen vom Himmel

Sprachlosigkeit. Keine Worte. Eine Erfahrung, die viele Menschen machen angesichts von Sterben und Tod. Erzählkünstlerin Jana Raile zeigt, dass dies nicht so bleiben muss. Märchen können eine Brücke bauen zwischen dem Hier und dem Noch-Nicht, zwischen der eigenen Fassungslosigkeit und den Erfahrungen, die Menschen über die Jahrhunderte gemacht haben.

Märchen erscheinen manchmal phantastisch, manchmal grausam. Warum eigenen sie sich besonders für die Trauerarbeit? Wie passt das zusammen?Für mich sind Märchen Weggeschichten. Sie zeigen Wege auf. Aber sie zeigen auch, dass man sich auf den Weg machen muss. Und das ist ja tatsächlich etwas, das in der Sterbe- und Trauerbegleitung das Wesentliche ist. Der Sterbende macht sich auf den Weg in die Anderswelt und der Trauernde steht plötzlich vor der Situation, dass alles anders ist. Er kann sein Leben, so wie es bisher war, nicht mehr weiterleben. Er muss sich auf den Weg machen. Deshalb sind für mich Märchen so ideal. Sie zeigen, wie man neue Wege gehen kann, unbekannte Wege. Wege, vor denen ich vielleicht Angst habe. Vielleicht muss ich dabei auch einen Drachen besiegen oder in einen Brunnen springen, aber es sind Wege, die sich eröffnen.

Verstehen wir alle denn noch diese Bilder?
Bei den Märchen geht es nicht um den Verstand. Logisch und vom Verstand her sind sie total unsinnig. Man kann nicht in den Brunnen springen und auf einer Blumenwiese landen. Aber es ist so, dass ein anderer Teil in uns, sagen wir das Herz, das Gefühl oder die Seele diese Bilder versteht. Es sind uralte Bilder, wie sie auch in Träumen immer wieder auftauchen. Sie sind Teil eines Urwissens, das die ganze Menschheit umfasst. Uralte Bilder vom Sein und vom Wesen der Dinge.

Wie kommt es, dass in Grenzsituationen Bilder in uns aufsteigen, die das Unaussprechliche zu fassen versuchen?
Ich glaube, dass gerade Grenzsituationen uns dahin bringen, einen Zugang zu diesen Bildern zu entwickeln. Wir stehen vor einer Situation, wie wir sie noch nie erlebt haben. Das ist ein Schock, aber auch ein Zugang, der neue Welten öffnet und das machen Märchen auch. Märchenhelden können sich zwischen Diesseits und Jenseits hin- und herbewegen. Sie sind nicht so strikt an die Realität gebunden wie wir. Das ist der Grund, warum in Grenzsituationen diese Bilder in uns aufsteigen und auch verständlich sind. Verständlich nicht für den Kopf, aber dass ich Trost finde. Dass ich plötzlich merke, dass ich tiefer durchatme, dass ich ruhiger werde. Dass ich mich für einen Augenblick entspannen und den Stress und die Sorgen loslassen kann.

Gibt es Märchen, die angesichts von Sterben und Tod eine besondere Rolle spielen?
Für mich das schönste Märchen und wahrscheinlich auch das bekannteste ist Sterntaler von den Brüdern Grimm. Das ist eine wunderschöne Geschichte. Es geht ums Loslassen. Das Mädchen hat schon viel verloren und dann gibt es auch noch das Stückchen Brot, das es hat, weg. Es gibt die Mütze weg, den Mantel, den Rock und am Ende hat es gar nichts mehr. Dann fallen die Sterne vom Himmel. Das ist für mich das schönste Bild. Es zeigt mir, auch wenn ich einen Menschen oder mein eigenes Leben loslassen muss, kommt danach etwas Unvorstellbares. Es fallen die Sterne vom Himmel. Für Sterbende kann das ein schöner Ausblick sein, auf das, was vielleicht kommt. Ein Trauernder wird vielleicht sagen: Für mich fallen aber gerade keine Sterne vom Himmel. Aber seine Seele hat es gehört und dieses Bild wirkt. Viele sagen, wenn sie durch ihren Trauerprozess hindurchgegangen sind: Ich habe viel Schmerz erlebt, ich habe viel gelitten. Heute bin ich reicher, als ich damals war. Wie Sterntaler.

Eignen sich die Märchen für jedes Alter – vom Kind bis zum Greis?
Die meisten Märchen sind für alle Generationen geeignet und auch für alle Kulturen. Da gibt es viele Parallelen. Sterntaler, Frau Holle, Schneewittchen – all diese Märchen sprechen eine kollektive Sprache. Sie sind unabhängig von der persönlichen Geschichte eines Menschen. Sie erzählen vom Weg an sich, der gegangen werden muss. Jede Altersstufe holt sich das heraus, was ihr besonders wichtig ist.

Material und Anleitung für Betroffene und Betreuer
Material und Anleitung für Betroffene und Betreuer

Nun stehe ich dem sterbenden Angehörigen gegenüber und Märchen waren lange Zeit kein Thema. Kann ich einfach so loslegen?
Man sollte die Geschichte vorher einmal selbst laut für sich lesen. Märchenbilder entwickeln sich am besten durch das gesprochene Wort. Dann werden sie lebendig. Zudem sollte man nur das erzählen, was man selbst mag und nicht, weil andere sagen, es könnte wertvoll sein. Wenn mein Herz für ein Märchen schlägt, dann erzähle ich es.

Und nach dem Vorlesen?
Dann braucht es weiter erst einmal gar nichts. Manchmal kann Stille ein wunderschönes Erlebnis sein. Jeder kann seinen Bildern nachhängen. Was kommt, kann man einfach kommen lassen. Stille oder auch Sätze, die scheinbar aus dem Zusammenhang gerissen sind. Vielleicht hat das Märchen eine Tür geöffnet, noch einmal Wünsche anzusprechen. Man kann das Erzählen auch in Rituale einbetten. Vielleicht lasse ich, wenn ich Sterntaler erzählt habe, am Ende noch ein paar Glitzersterne vom Himmel fallen. Oder ich zünde eine Kerze an, wenn ich anfange zu erzählen und lösche sie am Ende wieder aus. Das Schöne bei Märchen ist, man muss nicht darüber reden. Die Bilder wirken für sich.

Das Interview führte Bärbel Reichelt

SEMINAR „Trauerbegleitung mit Märchen“ vom 10.-12. März 2017 in Hannover, ZEB-Stephansstift, Kirchröder Str. 44
http://erzaehlausbildung.de/trauerbegleitung-mit-maerchen.html

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Frühlingsgöttin Ostara

„Wandlung ist notwendig
wie die Erneuerung der Blätter im Frühling.“
Vincent van Gogh

Liebe Erzählfreundinnen und –freunde,
jetzt ist er da, der Frühling und mit ihm mein neues Ausbildungskonzept. Lange habe ich mit mir gerungen, gezweifelt, gehofft. Nächstes Jahr, am 31. März 2017 starte ich die Ausbildung „Heilsames Erzählen“. Alle Informationen darüber findet ihr hier: http://erzaehlausbildung.de/. Für Frage stehe ich gerne zur Verfügung.

Alles Gute, freudige Ostertage und einen bunten Frühlingsstart wünscht
Jana Raile

BRAUCHTUM und HINTERGRÜNDIGES zu OSTERN
Der Termin des Osterfestes ist bestimmt vom ersten Frühlingsvollmond (23.3.2016). Ostersonntag ist immer der erste Sonntag, der diesem folgt.

  • Ist der Palmsonntag ein heiterer Tag, für den Sommer ein gutes Zeichen sein mag.
  • Karfreitag Sonnenschein – bringt uns reiche Früchte ein.
  • Wenn am Karfreitag Regen war, folgt trocknes, aber fruchtbar‘ Jahr.
  • Ein Wind, der von Ostern bis Pfingsten regiert, im ganzen Jahr sich wenig verliert.

OSTARA bringt uns die Sonne, das Licht, die Wärme und das Leben wieder zurück und symbolisiert neues Wachstum und Wiedergeburt. Sie ist die Tochter der Frigg und des Wotan. Ostara kämpft jedes Jahr gegen die Eisriesen des Winters und trägt schließlich den Sieg davon. Kälte und der Frost müssen sich zurückziehen, die Sonne schickt ihre wärmenden Strahlen auf die Welt – der Frühling kann beginnen.

Nach dem langen Winter beginnt die Auferstehung der Natur. Als Frühlingsbotin ist Ostara das Sinnbild der zeugungsbereiten und erwachenden Natur. Es gibt auch Überlieferungen, denen zufolge „Os-tara“ aus zwei alten Sprach- und Laut­silben besteht: „Os“ ist „Mund-Schoß-Erde-Ge­burt-Ent­ste­hung“ und „tar“ bedeutet „zeugen“. Ostara könnte also mit Erd-Zeu­gung über­setzt werden.

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Historisch und kulturwissenschaftliche wird oft angezweifelt, dass eine Göttin mit dem Namen Eostra oder Ostara tatsächlich verehrt wurde. Sie soll eher eine romantische Erfindung der Neuzeit sein. So steht im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens aus dem Jahre 1935: „Wenn schon eine angelsächsische Eostra auf schwachen Füßen stand, hielt die Forschung erst recht eine deutsche Göttin Ostara für nicht nachweisbar.“ Allerdings spekuliert Jacob Grimm in seinem Werk „Deutsche Mythologie“ über eine germanische Göttin mit dem Namen Ostara, auf der Basis von Bedas Eostrae: „Die beiden Göttinnen, welche Beda (de temporum ratione cap. 13) ganz kurz, ohne nähere Schilderung, bloß zur Erklärung der nach ihnen benannten Monate anführt, sind Eástre und Hrede; von dieser hat Merz, von jener April seinen sächsi[s]chen namen.“ Ein weiteres etymologisches Indiz, das Grimm heranzieht ist der „ôstârmanoth“ (Ostermonat – ahd. für April): Er kommt zum Schluss: „Ostara, Eástre mag also eine Gottheit des strahlenden Morgens, des aufsteigenden Lichts gewesen sein, eine freudige, heilbringende Erscheinung, deren Begriff für das Auferstehungsfest des christlichen Gottes verwandt werden konnte.“ (aus: http://www.artedea.net/ostara/)

In der keltischen Tradition ist dieses Fest das Fest der britischen Seegöttin Morgana, auch Morgan Le Fay genannt. Rituell ist dieser Feiertag der Königin von Avalon und dem Feenland geweiht. Es ist die Zeit der Elfen, Feen, Zwerge und der Verehrung ihrer Plätze. Die Dolmen, Menhire oder Findlinge, welche als die Wohnstätten des kleinen Volkes angesehen werden, symbolisieren die Verbindung zur Unterwelt, aus welcher zu dieser Zeit die Kraft der Erneuerung wieder aus der Erde steigt und sich mit der Kraft der Sonne verbindet.

Besondere Beachtung wird ebenfalls dem Wasser zuteil als Sinnbild für das neue Leben. In Schottland werden noch heute die Quellen und Brunnen festlich geschmückt und rituell einer Weihe unterzogen.

MÄRCHEN: Frau Holle und die Flachsdiese
In Clausthal ernährten sich zwei arme Waisenmädchen kümmerlich durch Spinnen vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Sie verstanden wohl, was es heißt: „Spinnen am Morgen, Kummer und Sorgen!“ Besonders das eine Mädchen sah neidisch auf die Bergmannstöchter, die nur abends in der lustigen Gesellschaft der Spinnstube spannen: „Spinne am Abend, erquickend und labend!“ Das andere Mädchen erinnerte es des Mittags oft an den dritten Spruch, der da lautet: „Spinne am Mittag, Glück am dritten Tag.“ Aber der dritte Tag kam, und immer wieder blieb das Glück aus. Da wurde die Neidische lässig, ging früh zu Bett und stand spät auf, und das fleißige Mädchen hatte seine Not mit der faulen Schwester.
Nun kam Ostern , und am Abend flammten die Osterfeuer rings um die Stadt. Da eilte die Faule hinaus zur Kurzweil, während die Fleißige die Flachsdiese* noch leerspinnen wollte. Eben schlug es elf, da trat eine schöne Frau in die Stube, die trug ein langes weißes Kleid, hatte goldgelbe Haare und trug in der Hand eine Flachsdieße, weiß wie Silber und fein wie Seide. Mit freundlicher Stimme grüßte sie das gute Mädchen, das eben seinen letzten Flachs auf die Rolle laufen ließ, befühlte das Garn und sprach:
„Fleißige Liese, leer ist die Dieße, fein ist der Faden, bist wohl beraten.“
Dann berührte sie das Spinnrad mit der silbernen Diese, lächelte und verschwand. „Das war die Frau Holle“, sagte sich das Mädchen und ging zu Bett. Die Faule kam erst spät in der Nacht.
Am Ostermorgen fand die Fleißige ein goldenes Spinnrad und ihr Garn so fein und weiß, wie man noch keines gesehen hatte. Beim Abhaspeln wollte das Garn auf der Rolle kein Ende nehmen, sie mochte noch soviel abhaspeln, die Rolle blieb voll.
Die Faule aber fand auf ihrem Spinnrad statt des Flachses Stroh, und im Kasten hatte sich die Leinwand in Häcksel verwandelt. So lohnt Frau Holle die Fleißigen und straft die Faulen.

*(Flachs-)Dieße = Rockenstock; gedrechselter Stock mit Fußtritt, Werkzeug beim Spinnen

Märchen vom Harz, aus: Sigrid Früh,
Der Zauber des Frühlings, Timon Verlag, 2008

Gedanken zu Trauerbegleitung mit Märchen

Gedanken zu Trauerbegleitung mit Märchen

Wo fängt Trauer an? Wo hört Trauer auf? Ich genieße die warmen Sonnenstrahlen in meinem Gesicht. Ahhh, wie wohlig und schön. Der Frühling kommt – endlich. Die Tage werden länger, morgens ist es nicht mehr so dunkel. Aufbruch, Neubeginn. In mir kribbelt es. Ich freue mich, wieder mehr Zeit im Freien zu verbringen, den Wintermantel bald im Schrank verschwinden zu lassen. Und doch: wie sehr ich mich auch nach dem Licht sehne – die langanhaltende Dunkelheit schenkte mir Zeit innezuhalten, langsamer zu sein (was bei mir eher eine Seltenheit ist ), Zeit und Raum für mich.

Trauern um Veränderungen, Enttäuschungen, verpasste Gelegenheiten, geplatzte Vorhaben, falsche Entscheidungen, Unwiderbringliches, Unvermögen…

Trauer ist ein Gefühl, das wie Freude, Angst, Wut u.a. zu den Grundgefühlen gehört. „Während oder nach der Bearbeitung der Trauer können sich neue Perspektiven eröffnen, die unabhängig von der Trauersituation sind: neue Beziehungen, Verhaltensänderungen. So kann bearbeitete Trauer auch Lernprozesse in Gang setzen oder begünstigen.“ (aus: wikipedia)
In Märchensprache ausgedrückt heißt das: Verwandlung und Entwicklung.

Bewusstes Trauern könnte heißen, Abschied nehmen vom Alten und begrüßen des Neuen. Jeder Übergang (Jahreszeitenfeste) ist eine Möglichkeit zu prüfen, was will ich loslassen, was will Neues kommen.

Drei Märchenbilder möchte ich heute betrachten:

Fundevogel“ von Grimm: Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig. Lenchen: „Verlässt du mich nicht, so verlass ich Dich auch nicht.“ Fundevogel: „Nun und nimmermehr“. Lenchen fragt nicht: „Bleibst du bei mir, bleib ich bei dir.“ Verlassen sein, verlassen werden, Verlust erfahren gehört zum Menschsein, wie Wasser und Brot. Fundevogel ist das tragende-haltende Element in diesem Märchen: In seinem Wasser ersäuft die Hexe. Die Kraft des Fundevogel in mir zu entdecken gehört zu einem gelungenen Trauerprozess. Was trägt mich? Wo, wann fühle ich mich sicher und getragen?

Dornröschen“ von Grimm: die Dornenhecke ist undurchdringlich. Kein Hinaus-, kein Hineinkommen, bis zum richtigen Zeitpunkt. Draußen geht das Leben weiter, drinnen schläft alles. Wovon träumt Dornröschen? Wovon träume ich? Was ist die Qualität des Drinnen, was die des Draußen? Im Betrachten des Märchens kann ich die Perspektiven ganz leicht wechseln und mir beide Seiten erspüren, erfühlen. Aus der „Starre“ ins Gefühl und zurück. Vom (kleinen) Tod ins Leben, vom Leben in den Tod. Sich Traumzeit und Lebenszeit schenken. Beides hat seinen Platz.

Frau Holle“ von Grimm: „Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte: und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen.“ Was für ein Wagnis! Mich meiner Herzensangst stellen.

Die Trauernde ist, wie die Märchenheldin auch (selbiges gilt für den Trauernden und den Helden), eine Wanderin zwischen den Welten. Dieses Zwischenreich ist eine magische Welt. Dort ist alles möglich, was die Erfolge der Märchenheld/innen immer wieder anschaulich zeigen. Es gehören Mut und Herzensstärke dazu, die Aufgaben zu nehmen.