Rauhnachtszauber

Der Ursprung des Namens „Rauhnächte“ bzw. „Raunächte“ ist nicht eindeutig. Auf den ersten Blick scheint sich der Begriff auf die karge, rauhe, kalte und dunkle Jahreszeit zu beziehen, in der die zwölf heiligen Nächte gefeiert werden. Früher hießen sie auch „Rauchnächte“, denn dann wurden Häuser und Ställe ausgeräuchert. Die Rauhnächte sind auch eine Zeit der Geister und Seelen: Die Wilde Jagd braust durch die Lüfte und Frau Holle zieht mit ihren Heimchen umher. Versunkene Schlösser und Schätze steigen empor und Zwerge kommen zu Besuch.

Vor diesen Tagen soll alles, was verliehen wurde, wieder im Hause sein
und Geliehenes sollte man zurückbringen.

Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Eine Zeit des Wechsels, des Wandels. Sie symbolisiert den Kampf des Lichtes mit der Finsternis. Eine Rauhnacht schließt den ganzen Tag mit ein und dauert von 0.00 Uhr bis 24.00 Uhr. Die Rauhnächte beginnen am 25. Dezember um 0.00 Uhr und enden am 5. Januar um 24.00 Uhr. Jede Rauhnacht ist einem Thema gewidmet um Rückschau zu halten, Innezuhalten und Aufzuräumen, nicht im Aussen, sondern im Inneren. Sie sind auch Begleiter, das Kommende, Gewünschte zu visionieren.

So viele Knöpfe an einem Kleidungsstück fehlen in dieser Zeit,
so viele Geldstücke werden einem im Jahr gestohlen.

Themen, mit denen Du gehen kannst: vielleicht bleibst Du für Dich in der Stille, oder Du gehst bei einem Spaziergang mit dem jeweiligen Thema und lässt Dich von dem, was Dir begegnet, inspirieren. Vielleicht zündest Du auch eine Kerze an und schreibst Deine Gedanken zum Thema auf, vielleicht magst Du Dich auch mit Freund/innen darüber austauschen, oder bei einem Treffen zwischen den Jahren, das jeweilige Thema mutig ansprechen, und so Raum für spannende Gespräche schaffen.

  • 1. Rauhnacht 25.12., Altes Loslassen: Was war das Besondere im zu Ende gehenden Jahr? Welche Veränderungen hast Du wahrgenommen?
  • 2. Rauhnacht 26.12., Stille und innerer Frieden: Was brauchst Du, um weiterhin Veränderungen zulassen zu können? Wie stehst Du im Kontakt zu Deine Ahnen und ihrer Herkunft?
  • 3. Rauhnacht 27.12., Herzenskraft: Wie öffnest Du Dein Herz? Dir selbst gegenüber in allen Facetten, inneres  Kind, Anima/Animus, Erwachsene/r und anderen gegenüber? Wie zeigen sich Wunder in Deinem Leben?
  • 4. Rauhnacht 28.12., Neugier: Was gibt es heute zu entdecken? Was wünscht Du Dir? Wem möchtest Du danken? Wer war im vergangen Jahr wichtig für Dich?
  • 5. Rauhnacht 29.12., Achtsamkeit: Wie pflegst Du Deine Freundschaften? Wie sorgst Du für Dich selbst? Zeige Wahrheit und Klarheit in Deinem Tun und Handeln.
  • 6. Rauhnacht 30.12., Gefühle: Was hindert Dich, Deinen Gefühlen zu trauen? Liebst Du Dich selbst? Wie zeigst Du anderen Deine Gefühle?
  • 7. Rauhnacht 31.12., das Neue Jahr: Stimme Dich auf das kommende Jahr ein. Welche Visionen hast Du? Welche Ideen? Was will verwirklicht werden?
  • 8. Rauhnacht  1.1., Selbstverwirklichung: Nimm ein Bad oder eine Dusche und wasche ganz bewusst das alte Jahr ab. Schreibe Dir zehn Vorsätze für das neue Jahr auf? Wähle drei davon aus, die Dir wirklich wichtig sind.
  • 9. Rauhnacht  2.1., Verzeihen, Versöhnen: Was gibt es noch zu klären, damit Du frei das Neue leben kannst? Führe ein Herz-zu-Herz-Gespräch. Setze die Person/Situation gedanklich Dir gegenüber und spreche laut aus, was Dich bewegt.
  • 10. Rauhnacht  3.1., Verbindung: Besinne Dich auf Deine eigene Mitte. Verbinde Dich mit der Natur und finde heraus, was Dich stärkt und auf Deinem Weg unterstützt.
  • 11. Rauhnacht  4.1, Dankbarkeit: Danke Dir für das, was Du bis jetzt erreicht hast. Besinne Dich auf Deine Stärken, Dein Potential. Was kannst Du tun, um noch mehr in Deine Kraft zu kommen.
  • 12. Rauhnacht  5.1., Reinigung: Wovon willst Du Dich befreien? Was willst Du auf die Erde bringen?

Jegliche Arbeit ist verboten in den Rauhnächten,
sonst fällt der Wolf in die Herde und das Vieh gedeiht nicht.

Ich wünsche Dir gutes Gehen mit den Rauhnächten und ein inspiriendes, buntes und erfülltes Jahr 2018.

Beste Grüße

Jana Raile
http://www.erzaehlausbildung.de

Zum Schluss noch ein Märchen aus dieser Zeit:

Frau Holle und der Blinde

Einmal am Nachmittag des Heiligen Abends, kehrte ein blinder Buchbinder, den sein Hund führte, von der Arbeit heim. Ein schlimmer Wind fuhr durch alle Wipfel, und der arme Mann hatte eine weite Strecke durch einen großen Wald zu gehen. Nun wollte der Weg an diesem Tage schier kein Ende nehmen, es wurde immer einsamer und kälter um den Blinden, er fürchtete schließlich, sein Hund habe sich verirrt. Auf einmal legte das Tier sich nieder und sprach wie ein Mensch: »Weißt du, dass Frau Holle heute Nacht durch den Wald kommt?«

»Hast du mit ihr zu reden?« fragte der Blinde erstaunt. »Nein, aber ich habe dich heute ein ganzes Jahr lang geführt,« sagte der Hund, »jetzt hab du einmal Geduld und gib mir, dass ich eine Stun­de mit den meinen spielen kann. Sie kommen alle in den Hollenwald!« Da musste der Mann frierend an einen Stamm gelehnt warten, bis sein Führer wiederkehrte. Er murrte erst, aber es war zu begreifen, dass auch solch Tier seine Freude haben will; zwischen Weihnacht und Drei­könig verstehen alle Wesen einander, und man sagt, dass sie in den Ta­gen, die auch die Zwölften heißen, mehr wissen als unsereins, dafür dass sie ein Jahr lang stumme Diener der Menschen waren.

Als der Blinde nun schon hoffte, dass ein gut Teil der Stunde vorü­ber sei, kam der Hund wieder vorbei. »Du musst noch etwas Geduld ha­ben«, mahnte er seinen Herrn, »es sind noch nicht alle da.« Der Mann mochte nichts erwidern, um dem Tier die Freude nicht zu verderben. Als er dabei aber horchend den Kopf zu ihm niederbeugte, geschah ihm, wie es allen Blinden bei Frau Holles Kommen geschieht, dass er den Hund auf einmal wie einen Schatten sehen konnte. Und als er den Kopf wieder aufhob, war ihm, als stünde rund um den Tannen­wald wie eine Schar begrünter Kreuze da, er erblickte auch oben in den Wipfeln den Mond, um den mit hellen Gliedern viele Nebel tanzten. Aber der Blinde sah noch mehr, er sah, wie ein ganzes Schiff mit Bäumen und Lichtern vom Himmel näher schwebte, und sich auf einer weißen Waldwiese, die vor ihm lag, niederließ.

Und der Mann, der viele Jahre ohne Augenlicht gewesen war, erblickte tausend Tiere, die von weit her gekommen waren, um Frau Holle zu begrüßen, er sah die Elfen mit weißen Gliedern, und sogar einige Menschen, die auch die Unirdischen zu schauen vermögen. Da lief er über den Festplatz auf das Schiff zu und schrie vor Erstaunen: »Ich habe mein Augenlicht wieder, ich kann dich erkennen, Frau Holle!« Die schöne Himmlische schritt nahe an ihm vorüber und fragte: “ Bist du blind gewesen, armer Mann?« »Ja,« rief der Buchbinder, »ja, ich bin blind gewesen, und kann dich jetzt erkennen!« Die edle Frau warnte ihn: »Hoffe nicht zu früh, Lieber, es ist nur in den Zwölften, dass du zu sehen vermagst.« »Ich bin aber so glücklich, dass ich sehen kann,« schrie der Mann, »kannst du mir nicht für immer mein Augenlicht wieder geben?« Es war für ihn alles so herrlich rundum, voller Lichter und köstlichen Glanzes, voll schöner Menschen und Tanzender, voll Wagen und freundlicher Tiere, voll ragender Bäume und leuchtender Blumen, die mitten im Schnee aufwuchsen -, ach, den armen Mann düngte, dass sein Leben allzeit und zu jeder Stunde reich sein würde, wie in dieser.

»O,« rief er, »hätte ich doch mein Augenlicht für immer!« Den schlimmen Alltag hatte er ganz vergessen. »Kannst du mir nicht helfen, dass es so bleibt, Frau Holle?«

»Für immer kann ich dir nicht helfen,« antwortete diese traurig, »aber ich kann dich wählen lassen, ob du das Jahr hindurch alles Leben und Leid der Menschen erblicken oder aber, ob du in den Zwölften zu uns kommen willst.«

»Da weiß ich genau, was ich zu wünschen habe,« sagte der Mann aufgeregt, ihm schien das Jahr so viel länger als die kurze Zeit der Feier­tage. »Da weiß ich gewiss, was ich wähle: gib mir das Jahr frei, Frau Hol­le! Ein ganzes Jahr über möchte ich offene Augen wie zu dieser Stunde haben.« Da seufzten die Tiere, sie meinten vielleicht, der Fremde hätte sich anders entscheiden müssen. Aber Frau Holle strich ihm schon über die Augen: »So werde für deine Welt sehend und blind für uns,« sagte sie. Und das Dunkel fiel auf die Lider des Bittenden, weil er noch auf der Zauberwiese stand. Dann rief die schöne Königin den Hund des Buch­binders, der kam gehorsam und führte den Mann in seine Stadt heim. Aber als er zu den Menschen kam, erhellten sich seine Augen wirklich, so wie es ihm die gütige Frau versprochen hatte. Und als das neue Jahr begann, lebte er mit klaren Blicken, ein Genesener unter den Seinen.

Es ist jedoch an dem, dass der Arme die Sehnsucht nach dem Frau Hollenschiff seit jener Nacht nicht mehr verlieren kann und dass er, wie alle Menschen die lange blind waren, im Alltag Armut und Krankheit doppelt genau erkennt. Schwermütig und wortkarg ist er geblieben, und vermag die Feier der Zwölften und den Zug der schönen überirdischen Frau, den er einmal gesehen hat, zu keiner Stunde zu vergessen.

Märchen aus Schleswig-Holstein
aus: Geheimnisvolle Winter- und Weihnachtszeit, Sigrid Früh, Timon Verlag

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König Drosselbart – Angst und Scham

Könnig Drosselbart - Märchen frei erzählen

Ein-Blick in König Drosselbart

Ein beliebtes und bekanntes Märchen, das in Opern besungen, im Theater bespielt und eher selten erzählt wird.
Der Schluss erschüttert uns Frauen und straft jede Emanzipation Lügen: „Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen, und dich für deinen Hochmuth zu strafen, womit du mich verspottet hast.“ Da weinte sie bitterlich und sagte „ich habe großes Unrecht gehabt und bin nicht wert deine Frau zu sein.“
Sie spottet, wird für ihren Hochmut bestraft und fühlt sich nicht wert. Eine Kunst, das „richtig“ zu Erzählen.

Wann und warum spotten wir?

Ihre Gabe ist es, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ihre Worte entsprechen der Wahrheit und Wirklichkeit, sind unverblümt und direkt. Vielleicht etwas undiplomatisch – andererseits: es geht um ihre Zukunft.

Wer hält die Wahrheit aus?
Wer kann damit umgehen?
Wer will sie hören?

König Drosselbart!

Wie ernst ist ihr: „Ich arme Jungfer zart, ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!“?

Für mich ist es ein luftiges Spiel. Sie fordert ihn heraus, er fordert sie heraus und beide nehmen die Herausforderungen an. Sie loten ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen aus. Der Erzähler klagt über die Unmöglichkeit der Arbeitsanforderung, die Königstochter nicht. Drosselbart lässt aber auch nicht zu, daß sie sich ausruht in ihrem Glanz, ihrer Schönheit; die Töpfe zerbrechen.

Ein erstes Gefühl: Angst. Sie traut sich nicht nach Hause. Fast möchte ich sagen: endlich! Sie schien wie abgeschnitten von ihren Gefühlen. Sie spielt mit den Gefühlen anderer, aber sie selbst fühlte (noch) nicht.

Er treibt sie weiter und fordert sie zum Tanz, wieder brechen Töpfe. Aus Angst wird Scham: „sie war so beschämt, daß sie sich lieber tausend Klafter unter die Erde gewünscht hätte.“ Ein menschliches Grundgefühl, das uns in eigene Grenzen weist und uns lehrt Grenzen zu achten. Ohne Scham verlieren wir jedes Ehrgefühl. Vielleicht ist der Spott nur die andere Seite der Scham.

Wofür schäme ich mich?
Was ist groß in mir, was ich mit Spott kleinmache? Was tue ich ab in mir, was mache ich lächerlich in mir?

Stärke und Scham können eng mit einander verbunden sein. Wagen wir den Blick!

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