Die Hochzeit der Merisàna

Lärche2

Die Wald- und Wasserjungfrauen hatten einst eine Königin, welche Merisàna hieß. Merisàna besass alles, was sie sich wünschen konnte: Gräser und Blumen, Sträucher und Bäume verneigten sich vor ihr horten auf ihr Wort. Die Wellen legten sich, wenn sie ans Ufer trat und die ganze Landschaft von den Bergen zu den Wäldern waren ihr untertan. Trotzdem vermochte Merisàna nicht froh zu werden, denn wenn auch ihr selbst nichts fehlte, so trauerte sie doch darüber, daß so viele Lebewesen unglücklich seien und Schmerzen leiden müssten. Aber sie fand keine Möglichkeit dies zu ändern und niemand konnte ihr einen Rat geben.

Da geschah es, daß der Strahlenkönig, der weit fort ein großes und glänzendes Reich besaß, ins Tal kam und dort am Wasser Rast hielt. Als er das Wasser betrachtete, sah er für einen Augenblick die schöne Merisàna. Er war darüber außerordentlich erfreut und verwundert; doch er glaubte nur ein Bild gesehen zu haben. Er wusste nichts von den Wasserjungfrauen, die in den Fluten zu leben vermögen. Also ging er weiter und kehrte schließlich in sein Reich zurück. Da gab es viele entzückende Mädchen, aber keines wollte ihm gefallen. Sie waren wohl schön und edel, aber es fehlte ihnen der Ausdruck von unbedingter Güte und Milde, wie er ihn bei Merisàna wahrgenommen und empfunden hatte.

Ein ganzes Jahr verging und der Strahlenköng konnte Merisàna nicht vergessen. Eines Abends besuchte er den Nachbarkönig und sie sprachen über Merisàna. „Du kommst in unsere Gegend immer des Morgens oder Abends. Komme doch einmal in der Mittagszeit, da wirst Du Merisàna sehen können, wie sie über die Waldwiesen wandelt.“ Wie glücklich war da der Strahlenkönig, als er erfuhr, daß Merisàna ein lebendes Wesen war. Bald traf er sie und sprach mit ihr. Am siebten Tag in der Mittagszeit warb er schließlich um ihre Hand. „Ich kann nicht Nein sagen, ich kann mich aber auch nicht freuen. Bevor ich Hochzeit halte, müssen alle Lebewesen froh sein. Kein Mann darf fluchen, kein Weib klagen, kein Kind weinen, kein Tier stöhnen. Alle sollen sich glücklich fühlen. Wenn du das erreichst, so will ich dein sein!“

Der Strahlenkönig ging in großer Sorge fort, denn wenn er auch viel Macht besaß und weithin wirken konnte, so zweifelte er doch daran, daß es ihm gelingen würde alle Lebewesen froh zu machen. Er befragte seine weisen Räte, aber auch sie meinten, die Sache sei aussichtslos. So kehrte der Strahlenkönig nach vielen vergeblichen Bemühungen endlich wieder zu Merisàna zurück. „Ich bitte dich, nimm Abstand von deiner Bedingung, schränke sie wenigstens ein, denn so ist sie unerfüllbar.“ Merisàna gab nach: „Gut, so wünsche ich, daß am Tag meiner Hochzeit alle Lebewesen froh sind!“

Da ging der Strahlenkönig wieder in großer Sorge fort, denn auch ein ganzer Tag schien ihm sehr viel. Auch seine Räte dachten nicht anders: „Ein ganzer Tag? Das ist unmöglich.“

Also kehrte der Strahlenkönig zu Merisàna zurück: „Auch diese Bedingung ist nicht zu erfüllen. Ein Tag ist einfach zu viel.“ Merisàna wurde traurig: „Nicht einmal einen Tag! Und ich hatte gemeint das wäre das mindeste. Aber schließlich gab sie nach: „Die Mittagszeit ist meine liebste Stunde. In der Mittagszeit wollen wir uns trauen lassen und im diese Zeit sollen alle glücklich sein: Menschen und Tiere, Bäume und Gräser.“

Da ging der Strahlenkönig wieder fort, aber diesmal hoffte er die Bedingung erfüllen zu können. Bald erhielten alle, Menschen und Tiere, Bäume und Gräser die Mitteilung, daß am bevorstehenden Hochzeitstag des Strahlenkönigs und seiner Braut um die Mittagszeit jeglicher Schmerz, ja selbst das geringste Unbehagen aufgehoben sein würde. Da freuten sich alle und priesen die milde und gütige Merisàna. Auch sprachen sie davon, wie sie ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen könnten und beschlossen, daß die Pflanzen ihre schönsten Blumen bereithalten sollten, die Menschen und Tiere große Sträuße binden und sie der Merisàna zum Hochzeitstag bringen sollten.

An diesem Tag gab es so viele Sträuße, daß Merisàna und ihre Dienerinnen fast keine Platz mehr dafür hatten. Es waren auch ein paar zauberkundige Zwerge aus dem Wald gekommen und staunten über die vielen Sträuße. „Hmmm, man könnte eine Baum daraus machen.“ Im selben Moment gingen sie ans Werk und schufen einen Baum. Es stellte sich aber heraus, daß sie nicht lebensfähig war, denn sie fing an zu verwelken. Da nahm Merisàna ihren Brautschleier und umhüllte den Baum, damit er leben könne. Der Schleier war aus feinem, lichtgrünen Gewebe und der Baum begann zu sprießen und zu grünen. Der Schleier aber wuchs in sie hinein.

Seitdem ist die Lärche die seltsamste aller Bäume. Zunächst erscheint sei als Nadelbaum, aber ihre Nadeln, die nicht immergrün wie die der übrigen Nadelbäume sind, vergilben im Herbst und fallen ab, genau wie die Blätter der Laubbäume. Das kommt davon, weil die Lärche aus den Zweigen und Blüten der verschiedensten Pflanzen zusammengesetzt worden ist. Wenn aber die Lärche im Frühjahr zu sprießen beginnt, sieht sie aus, wie ein grüner Hauch und man erkennt an ihren Zweigspitzen ganz deutlich das Gewebe des Brautschleiers. In ihrem durchsichtigen, milden Schatten, der alle Wonnen des Waldes und der Mittagsruhe atmet, erfolgte die Trauung des Strahlenkönigs mit der schönen Merisàna.

Märchen aus den Dolomiten, aus: der Zauber des Frühlings, Sigrid Früh, Timon Verlag

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