König Lindwurm

König Lindwurm - Interpretation eines Märchens von Jana Raile

Es war einmal ein König, der hatte eine wunderschöne Königin. Als sie Hochzeit hatten und in der ersten Nacht zu Bett gingen, war nichts auf ihrem Bett geschrieben; aber als sie aufstanden, war darauf zu lesen, dass sie keine Kinder haben würden.“ Eine Prophezeiung, an der nicht zu rütteln ist. Der König wird traurig, die Königin versinkt in Gedanken… die intuitive, weibliche Seite will sich nicht mit der Tatsache abfinden und findet tatsächlich einen Weg. Einen Weg, der gefahrvoll und abenteuerlich ist.

Mit welcher Prophezeiung bin ich wohl eines Tages aufgewacht, oder Du? Was wird auf keinen Fall passieren? Was darf auf keinen Fall passieren?

Wir alle tragen unbewusste Glaubenssätze in uns, die uns in unserer Entwicklung hindern oder sie umso schwerer machen. Doch wenn wir die Augen aufhalten, in Gedanken versinken, dann findet sich immer eine Möglichkeit aus diesen Glaubenssätzen auszubrechen und frei zu werden.

Die Anweisung der Alten ist klar und deutlich. Warum also isst die Königin auch noch die zweite Blume? Wie immer im Märchen, reizt natürlich gerade das Verbotene, das Tabu. Welches Tabu muss hier gebrochen werden? Welche Tabus trage ich mit mir herum? „Aber die schmeckte so vorzüglich“, heißt es im Märchen. Da gibt es also Vorzüge (hinter den Tabus), die die Königin noch nicht kannte. Wenn wir uns über die gesetzten Grenzen hinauswagen (die eigenen oder die der Gesellschaft), dann entdecken wir Neues. Auch die Lust spielt hier eine große Rolle. Lustvolles erleben im Augenblick – das allerdings ist nicht gewollt in unserer Gesellschaft, nicht vorgesehen. Kein Wunder also, dass ein über die Grenzen hinweg setzen, einen Lindwurm gebiert.

Wir haben bestimmte Vorstellungen davon, wie unser Leben sein soll(te), aber das Leben hat oft ganz andere Pläne. Manchmal erscheinen sie uns grausam und schrecklich („gebar sie einen Lindwurm“), wir wehren uns mit allen Mitteln („Bin ich dein Vater?“) und dann frisst dieses Ungeheuer auch noch eine Schönheit (Vorstellungen, Wünsche, Träume?) nach der anderen.

Wie werde ich Herr über meinen eigenen inneren Lindwurm? Was sind seine Qualitäten, seine Vorzüge unter den sieben oder neun Häuten? Wie, wann wirkt der Lindwurm nicht mehr vernichtend, zerstörend, sondern glückbringend?

Wieder kommt die Alte ins Spiel und auch diesmal gibt sie klare Anweisungen. Die Schäferstochter hält sich an die Anweisungen und hat gute Gründe dafür; sie weiß, ansonsten kostet es sie ihr Leben.

Was für ein Akt! Wieviel Mut gehört dazu, sich diesem Lindwurm entgegen zu stellen. Schon allein bei dem Gedanken zittern mir die Knie. Warum sollte ich mich diesem Ungeheuer aussetzen, wieso sollte ich über meine persönlichen Grenzen hinausgehen? Das Märchen sagt: erst in lebensbedrohlichen Situationen sind wir dazu bereit. Das Reich ist bedroht, mein Königreich, mein eigenes Leben.

In Sterbeprozessen kann man die Häutung oft sehr eindrucksvoll erleben, es ist ein Kampf und dann ein innerer Frieden, der sich ausbreitet. In Trauerprozessen spiegeln sich dieselben Prozesse des Sterbens, denn wir müssen den Verstorbenen wirklich gehen lassen und sind gezwungen, uns zu verändern, weil wir sonst mitsterben. Aber auch bei lebensbedrohlichen Krankheiten, Depression, in persönlichen Krisen, bei Trennung, Verlust von Arbeit, Freundschaft, sozialen Kontakten etc. sind wir mit der notwendigen Häutung konfrontiert. JedeR muss für sich selbst herausfinden, wofür die Häute stehen.

Die Zahl sieben setzt sich zusammen aus 4+3. Die Vier konfrontiert mit der irdischen Realität, die drei mit der geistigen Wirklichkeit. Die Zahl neun steht für 3×3, also einer potenzierten geistigen Wirklichkeit. Die Realität steht für alles, was wir im Alltag verändern müssen, d.h. den Schweinehund überwinden, ins Tun kommen, Handeln statt (aus-)halten. Die geistige Wirklichkeit steht für alle Glaubenssätze, die oft so unbewusst verankert sind, dass wir nur schwer Zugang zu ihnen finden. Welches sind die gesellschaftlichen oder familiären Tabus mit denen ich aufgewachsen bin, welches sind die Glaubenssätze, die sich tief in mir eingeprägt haben und mich an der Entfaltung und Verwirklichung meines ganzen Potentials hindern? Wenn wir diesen geistigen Fallstricken auf die Schliche kommen, sie erkennen, anerkennen, aussprechen, lösen sie sich meist von selbst.

Ein russisches Sprichwort sagt: „Schnell ist das Märchen erzählt, langsam die Tat getan“. Die Häutung des Lindwurms ist einer der schwierigsten Herausforderungen unseres Lebens und ein lebenslanger Prozess. „König Lindwurm“ ist ein archaisches Märchen, das an die Substanz geht und unser Leben in Frage stellt. Hier geht es nicht nur um ungelebte Wünsche und Träume, hier geht es um die persönliche Lebensaufgabe, mit der wir in dieser Welt angetreten sind. Ein großes Thema, gewaltig verpackt und bedingungslos.

Ich wünsche uns die Kraft der Schäferstochter, ihr Durchhaltevermögen, ihre Bedingungslosigkeit.

Kurzfassung: http://www.maerchenwirkstattulm.de/lindwurm.htm
Langversion: http://www.maerchenlexikon.de/texte/te433B-001.htm

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