Gedanken zu Trauerbegleitung mit Märchen

Gedanken zu Trauerbegleitung mit Märchen

Wo fängt Trauer an? Wo hört Trauer auf? Ich genieße die warmen Sonnenstrahlen in meinem Gesicht. Ahhh, wie wohlig und schön. Der Frühling kommt – endlich. Die Tage werden länger, morgens ist es nicht mehr so dunkel. Aufbruch, Neubeginn. In mir kribbelt es. Ich freue mich, wieder mehr Zeit im Freien zu verbringen, den Wintermantel bald im Schrank verschwinden zu lassen. Und doch: wie sehr ich mich auch nach dem Licht sehne – die langanhaltende Dunkelheit schenkte mir Zeit innezuhalten, langsamer zu sein (was bei mir eher eine Seltenheit ist ), Zeit und Raum für mich.

Trauern um Veränderungen, Enttäuschungen, verpasste Gelegenheiten, geplatzte Vorhaben, falsche Entscheidungen, Unwiderbringliches, Unvermögen…

Trauer ist ein Gefühl, das wie Freude, Angst, Wut u.a. zu den Grundgefühlen gehört. „Während oder nach der Bearbeitung der Trauer können sich neue Perspektiven eröffnen, die unabhängig von der Trauersituation sind: neue Beziehungen, Verhaltensänderungen. So kann bearbeitete Trauer auch Lernprozesse in Gang setzen oder begünstigen.“ (aus: wikipedia)
In Märchensprache ausgedrückt heißt das: Verwandlung und Entwicklung.

Bewusstes Trauern könnte heißen, Abschied nehmen vom Alten und begrüßen des Neuen. Jeder Übergang (Jahreszeitenfeste) ist eine Möglichkeit zu prüfen, was will ich loslassen, was will Neues kommen.

Drei Märchenbilder möchte ich heute betrachten:

Fundevogel“ von Grimm: Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig. Lenchen: „Verlässt du mich nicht, so verlass ich Dich auch nicht.“ Fundevogel: „Nun und nimmermehr“. Lenchen fragt nicht: „Bleibst du bei mir, bleib ich bei dir.“ Verlassen sein, verlassen werden, Verlust erfahren gehört zum Menschsein, wie Wasser und Brot. Fundevogel ist das tragende-haltende Element in diesem Märchen: In seinem Wasser ersäuft die Hexe. Die Kraft des Fundevogel in mir zu entdecken gehört zu einem gelungenen Trauerprozess. Was trägt mich? Wo, wann fühle ich mich sicher und getragen?

Dornröschen“ von Grimm: die Dornenhecke ist undurchdringlich. Kein Hinaus-, kein Hineinkommen, bis zum richtigen Zeitpunkt. Draußen geht das Leben weiter, drinnen schläft alles. Wovon träumt Dornröschen? Wovon träume ich? Was ist die Qualität des Drinnen, was die des Draußen? Im Betrachten des Märchens kann ich die Perspektiven ganz leicht wechseln und mir beide Seiten erspüren, erfühlen. Aus der „Starre“ ins Gefühl und zurück. Vom (kleinen) Tod ins Leben, vom Leben in den Tod. Sich Traumzeit und Lebenszeit schenken. Beides hat seinen Platz.

Frau Holle“ von Grimm: „Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte: und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen.“ Was für ein Wagnis! Mich meiner Herzensangst stellen.

Die Trauernde ist, wie die Märchenheldin auch (selbiges gilt für den Trauernden und den Helden), eine Wanderin zwischen den Welten. Dieses Zwischenreich ist eine magische Welt. Dort ist alles möglich, was die Erfolge der Märchenheld/innen immer wieder anschaulich zeigen. Es gehören Mut und Herzensstärke dazu, die Aufgaben zu nehmen.

 

Advertisements