Das Waldhaus – Was wirklich geschah… Variante 2

Das Waldhaus- Wilhelm Grimm

Es waren einmal ein König und eine Königin, die waren alt und hatten keine Kinder. Sie grämten sich über den Gedanken, keinen Thronfolger zu haben. Eines Tages entdeckte die Königin, dass sie guter Hoffnung war und als ihre Zeit kam, brachte sie einen schönen Knaben zur Welt. Die Freude über das Kind war groß und sogleich machte man sich daran, einen würdigen König aus ihm zu machen. So lernte der Knabe schon früh, dass ein König keinesfalls lauthals herauslacht, sondern den Menschen zulächelt. Wenn der Junge weinte, ermahnte man ihn, dass ein König seinen Tränen niemals freien Lauf lasse und seinen Schmerz oder seine Trauer nicht der Öffentlichkeit zeige. Lud er sich seinen Teller bei Tisch zu voll oder verlangte er einen zweiten Becher, weil er so durstig war, so rügte man ihn, dass ein König immer Maß halte und auch Speis und Trank stets beherrscht und mit Bedacht zu sich nähme.
Es kam ein Krieg, der alte König zog in die Schlacht und kam darin um. Die Königin verwand seinen Tod nicht und starb bald darauf. So machten sich des Königs Minister daran, die Erziehung des Knaben zu übernehmen. Viele Menschen umgaben ihn bei Hofe, doch seine Ratgeber warnten ihn: nie solle er unbesonnen und unbedacht auf die Menschen zugehen, wisse man doch nie, ob man es mit Freund oder Feind zu tun habe, außerdem müsse ein König immer eine gewisse Distanz wahren.
So wuchs der Knabe zu einem Jüngling heran und allen Warnungen, Ratschlägen und Mahnungen zum Trotz begann er, sich auszuprobieren. Er veranstaltete oft wilde Jagden, auf denen er alle Tiere schoss, die ihm vor das Gewehr kamen. Mit den Mädchen tändelte er, mit den Männern aß und trank er, bis zur Besinnungslosigkeit. Seine alte Amme sah dies alles mit Sorge und redete ihm oft zu, aber er wollte nicht auf sie hören und trieb es immer noch schlimmer.
Da wurde die Amme zornig und als der Jüngling wieder einmal mit seinen drei Dienern auf einer Jagd war, ging sie in ihre Kammer. Sie nahm von verschiedenen Kräutern, warf sie in einen kleinen Kessel und während das Gebräu anfing zu kochen, fing sie an zu verwünschen: ein alter Mann sollte ihr Schützling werden, seine Diener in Tiere und sein Schloss sich in ein Waldhaus verwandeln und alles sollte so lange in dieser Gestalt bleiben, bis ein Mädchen käme, so gut von Herzen, dass es nicht gegen die Menschen allein, sondern auch gegen die Tiere sich liebreich bezeige.
Dann schüttete sie Inhalt des Kessels auf das Bett des Jünglings und auf den Fußboden des Schlosses. Kaum hatte das Gebräu Bett und Boden berührt, als der Zauber in Erfüllung ging. Das Schloss wurde zum Waldhaus, in dem der Jüngling, der nun ein eisgrauer alter Mann ward, mit seinen Dienern lebte. Die Diener, nun in der Gestalt eines Hühnchens, eines Hähnchens und einer buntgescheckten Kuh, nährten ihn, aber er ging auch oft in den Wald und lernte in und von ihm zu leben. Er entdeckte auf seinen Streifzügen so manches, dass er auf seinen Jagdritten nie zuvor beachtet hatte. Und wenn er nicht durch den Wald wanderte, wartete er. Wartete auf seine Erlösung. Ob sie kam, erzählt eine andere Geschichte.

Sie findet sich in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm unter der Nummer 169: „Das Waldhaus“

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Das Waldhaus – Was wirklich geschah… Variante 1

Das Waldhaus- Wilhelm Grimm

Es war einmal ein junger Prinz. Er war das einzige Kind am Königshaus. Seine Mutter, die Königin, gab bei seiner Geburt ihr Leben für seines. Sein Vater, der König, konnte ihm das nie verzeihen, glaubte er doch der Junge sei schuld, dass seine geliebte Frau nicht mehr bei ihm war. Er strafte ihn mit Missachtung.

Der kleine Prinz hingegen wuchs heran und wurde ein wahrer Rebell. Zu jeder Zeit war er um die Aufmerksamkeit des Vaters bemüht. Doch der konnte und wollte ihn nicht sehen.

So stellte der Prinz immer wildere Abenteuer an und schoss mit seiner Armbrust alles nieder was sich ihm in den Weg stellte. Jedes Tier im Wald nahm angstvoll Reißaus, wenn es nur die Hufe von des Prinzen Pferd und dessen Gefolge hörte.

Eines Tages trug es sich zu, dass der junge Wilde erneut sein Unwesen im Wald trieb als eben eine Hirschkuh die Lichtung betrat. Ihr Fell war aus purem Gold und es glänzte in der Sonne. Gerade erhob der Prinz seine Armbrust…“Tu es nicht – halte ein. Lass mir mein Leben.“ Doch der Prinz scherte sich nicht, dass das Tier sprach und was es sprach. Er schoss es nieder.

In dem Moment gab es einen großen Knall und vor ihm stand eine Hexe. „Nun denn, dann sei es so…“ Sie verwandelte den Prinzen in einen eisgrauen Mann und sein Gefolge, das mit ihm war, in ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine buntgescheckte Kuh….

Erlösen kann ihn nur ein Mädchen mit reiner Seele, die bedingungslos Liebe gibt  – nur ihr ist es möglich , das Eis zu brechen…

Ob sie jemals kam?

Die Erlösung findet sich in den Kinder- und Hausmärchen
der Brüder Grimm unter der Nummer 169: „Das Waldhaus“

Das Waldhaus – Tierisch gut

Das Waldhaus- Wilhelm Grimm

Das Waldhaus – Tierisch gut

Schwer romantisch und verkitscht kommt es daher, das Märchen „Das Waldhaus“ und doch fasziniert das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier. Zu moralisch für meinen Geschmack sind die ständigen Hinweise, die in etwa lauten: „aber an die Tiere dachte es nicht“. Wenn wir diese Moralisierung des Erzählers weglassen, finden wir zwei Töchter, die gut für sich selbst und auch für ihren „Herbergsvater“ sorgen. Trotzdem landen sie im Keller, im Dunkeln. Manchmal sagen wir „wir tappen im Dunkeln“ und genau das tun die beiden älteren Töchtern. Wie der Vater, der keinen Bezug zu den Tieren/Vögeln des Waldes hat, sonst würde er keine Hirse, Linsen und Erbsen auf den Weg streuen, sind sie abgeschnitten von dem „Tierischen“ um sie. Wofür aber stehen die Tiere? Sie stehen für unseren Instinkt, Trieb, Drang. Sind synonym für Ahnung, Gefühl, Empfindung, Spürsinn, Intuition, Antenne, Bauch.

Das Wort Instinkt kommt vom lateinischen instinguere = anstacheln, antreiben. Was treibt mich an? Was stachelt mich auf? Der Holzhauer und die älteren Töchter haben sich so in ihrem Alltag eingerichtet, gehen ihren Weg ohne wahrzunehmen, ohne Achtsamkeit. Sie haben den Zugang zu dem was sie antreibt und aufstachelt verloren.

Was treibt mich an? Was stachelt mich auf? Wie nah oder fern bin ich meinen Instinkten? Wie angepasst, eingewöhnt folge ich dem vorgezeichneten Pfad. Ja, manchmal verirre ich mich, bin ganz nah dran, am Waldhaus, an meinen Instinkten, doch dann verpasse ich die Gelegenheit und lande im Keller.

Im Schamanismus kann man sein Krafttier finden: “Alle Tiere haben Mächte in sich, denn der große Geist wohnt in allen, auch in der kleinen Ameise, in einem Schmetterling – auch in einem Baum, in einer Blume und in einem Felsen.”(Petaga Yuha Mani, Sioux) Wofür stehen Huhn, Hahn, die Kuh für mich? Welche Anteile in mir wollen hier gesehen, beachtet, gefüttert, genährt werden?

Da knackt und kracht es ordentlich. Es geht an die Substanz, ans Eingemachte. Das Alte, Eisgraue verwandelt sich. Der Alltag wird bunt, vielfältig, groß. Aus einem kleinen Haus wird ein Schloss. „Schnell ist das Märchen erzählt, langsam die Tat getan“, lautet ein russisches Sprichwort. Das Märchen kann die Augen öffnen, wach und achtsam für das Tierische im Ernst des Lebens zu sein.

Am Ende wird es dann wieder sehr moralisch. Die Schwestern werden zum Köhler geschickt, dort sollen sie lernen… Gehen wir in das Bild, statt in die Moral: Der Köhler hantiert mit Feuer, Erde, Luft, entzieht Wasser. Er ist den Elementen nah. Auf die richtige Dosierung kommt es an. Von der Dunkelheit des Kellers (dem Inneren des Kohlenmeilers?) in den Prozess der Verwandlung?

Und noch eine Frage, die bleibt: Warum ist der Prinz von der Hexe verwünscht worden? Wir haben schöne Geschichten in den Seelenbildern gefunden, die findet ihr demnächst hier.

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