Rumpelstilzchen – Zugehörigkeit und Freiheit

Rumpelstilzchen – Zugehörigkeit und Freiheit

Warum wird das, was so glückverheißend daher kommt und Stroh zu Gold spinnt auf einmal lebensbedrohlich und gefährlich? Immer wieder versuche ich neue Blickwinkel in den Märchen zu finden, den Sinn im (scheinbar) Unsinnigen zu entdecken und mir selbst ein Stück näher zu kommen. Das Märchenstellen als Methode (ähnlich dem Familienstellen) zeigt immer wieder neue Ausblicke und die Wirklichkeit von Systemen. Die sich immer wiederholenden Themen sind: Zugehörigkeit, Verantwortung, Liebe.

Nimm, was Dir aus diesem Einblick gefällt und verwirf, was Dir nicht rund und stimmig erscheint.

Meine Einblicke sollen Blickwinkel, Richtungen, Möglichkeiten aufzeigen. Märchen machen mein Leben reich, bunt und vielfältig. Sie spiegeln mir Wege, Umwege, Auswege.

In „Rumpelstilzchen“ gibt es fast nur männliche Figuren: Vater/Müller, König, Rumpelstilzchen, Bote – die einzige Frau ist die Müllerstochter, die kein Stroh zu Gold spinnen kann.

Sie ist es, die sich befreit von Rumpelstilzchen, indem sie „es“ beim Namen nennt. Die Kernaussage des Märchens ist: nenne es beim Namen! Dann verliert es seine Macht, seine Ansprüche. Simpel ausgedrückt: Wenn du weißt, was Dich quält, bist du frei. Rumpelstilzchen selbst macht ihr das Angebot: finde heraus wie ich heiße, dann kannst Du Dein Kind behalten. Das heißt: „es“ will benannt werden, ja, es ruft seinen Namen im Wald frei heraus.

Ein kleines Männlein: Rumpelstilzchen. Da rumpelt, rumort etwas, etwas wird aufgewühlt, umgedreht, in Bewegung gebracht. Stilzchen kommt von stunz, stutzen, innehalten, aufmerksam werden, verstümmeln, aber auch von stelzen: stolz, steif oder von stel: stellen, aufstellen, stehen oder von Stelt: Stamm, Stange, Stengel, Bein

Vielleicht wird es an der Zeit, das Alte, den Stamm, die Wurzel aufzuwühlen, umzudrehen, in Bewegung zu kommen. Damit meine ich nicht nur alte Glaubenssätze und Moralvorstellungen, damit meine ich das, was wir von unseren Ahnen tragen und übernommen haben. Es hilft uns Stroh zu Gold zu spinnen, aber es fordert auch unser Leben, das Neue und wird von Generation zu Generation weitergetragen. Der Königin gelingt es endlich diese Ebene zu durchbrechen. Rumpelstilzchen zerreißt sich, die (Über-)Macht ist gebrochen.

Nein, der Vater verrät und verkauft seine Tochter nicht! Ich meine er ist überzeugt davon, daß seine Tochter Stroh zu Gold spinnen kann. Ja, er fordert es geradezu heraus (weil ihm nichts geblieben ist, als sein Tochter?) Ist es nicht so, daß die Kinder Aufgaben der Eltern (und Ahnen) übernehmen (müssen), die diese selbst nicht bewältigen konnten. Der Müller weiß: sie kann es schaffen. Er liebt sie über alles und es ist nun an der Zeit aufzuhören, immer alles klein zu mahlen (Gedanken, Ideen, Kreativität, Inspiration) und im Abseits zu leben (wie es die Müller immer schon taten). Sie kann Stroh zu Gold spinnen: sie bringt Licht und Glück in sein Leben, sie macht ihn reich. Das sind Fähigkeiten, die eines Königs würdig sind. Gold steht für Macht, Reichtum, Fülle, Bewusstsein – wer will das missen? In ihrer Todesangst – Grenzerfahrungen rufen die unglaublichsten Fähigkeiten ins Leben! – durch ihre Tränen ruft sie das kleine Männlein herbei. Sie bindet sich durch Halsband und Ring an das Männlein und dafür wirkt es Gold! Die Todesdrohung ist abgewendet – wenn sie nur noch eine Kammer spinnt, dann soll sie Königin werden. Eine Müllerstochter wird Königin! Vom Tellerwäscher zum Millionär. Jetzt ist keine Not mehr, der Tod steht ihr nicht bevor, aber die Möglichkeit Königin zu werden. Dafür muss sie ihr erstes Kind opfern. Sie ist bereit diesen Preis zu zahlen vergisst sogar das Männlein, wie wir oft und gerne verdrängen, was wir nicht sehen/benennen wollen. Wir opfern unser Leben, um diese Aufgabe zu tragen. Jetzt zeigt das Märchen etwas Erstaunliches: Du kannst diesen Kreislauf durchbrechen, dann löst sich der ganze Zauber auf!

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König Drosselbart – Angst und Scham

Könnig Drosselbart - Märchen frei erzählen

Ein-Blick in König Drosselbart

Ein beliebtes und bekanntes Märchen, das in Opern besungen, im Theater bespielt und eher selten erzählt wird.
Der Schluss erschüttert uns Frauen und straft jede Emanzipation Lügen: „Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen, und dich für deinen Hochmuth zu strafen, womit du mich verspottet hast.“ Da weinte sie bitterlich und sagte „ich habe großes Unrecht gehabt und bin nicht wert deine Frau zu sein.“
Sie spottet, wird für ihren Hochmut bestraft und fühlt sich nicht wert. Eine Kunst, das „richtig“ zu Erzählen.

Wann und warum spotten wir?

Ihre Gabe ist es, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ihre Worte entsprechen der Wahrheit und Wirklichkeit, sind unverblümt und direkt. Vielleicht etwas undiplomatisch – andererseits: es geht um ihre Zukunft.

Wer hält die Wahrheit aus?
Wer kann damit umgehen?
Wer will sie hören?

König Drosselbart!

Wie ernst ist ihr: „Ich arme Jungfer zart, ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!“?

Für mich ist es ein luftiges Spiel. Sie fordert ihn heraus, er fordert sie heraus und beide nehmen die Herausforderungen an. Sie loten ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen aus. Der Erzähler klagt über die Unmöglichkeit der Arbeitsanforderung, die Königstochter nicht. Drosselbart lässt aber auch nicht zu, daß sie sich ausruht in ihrem Glanz, ihrer Schönheit; die Töpfe zerbrechen.

Ein erstes Gefühl: Angst. Sie traut sich nicht nach Hause. Fast möchte ich sagen: endlich! Sie schien wie abgeschnitten von ihren Gefühlen. Sie spielt mit den Gefühlen anderer, aber sie selbst fühlte (noch) nicht.

Er treibt sie weiter und fordert sie zum Tanz, wieder brechen Töpfe. Aus Angst wird Scham: „sie war so beschämt, daß sie sich lieber tausend Klafter unter die Erde gewünscht hätte.“ Ein menschliches Grundgefühl, das uns in eigene Grenzen weist und uns lehrt Grenzen zu achten. Ohne Scham verlieren wir jedes Ehrgefühl. Vielleicht ist der Spott nur die andere Seite der Scham.

Wofür schäme ich mich?
Was ist groß in mir, was ich mit Spott kleinmache? Was tue ich ab in mir, was mache ich lächerlich in mir?

Stärke und Scham können eng mit einander verbunden sein. Wagen wir den Blick!

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