Heilsames Erzählen – Die Kraft der Elemente

Heilsames Erzählen

Wenn ich mich als Kind verletzt habe, sang mir meine Mutter das Lied „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein wird schon wieder besser sein, drei Tage Schnee, tut schon nimmer weh.“ Dabei saß ich auf ihrem Schoss, und sie hat mich in ihren Armen gewiegt. Während sie sang strich sie mit ihrer Hand über die Verletzung. Und – oh Wunder – mein Schreien, mein Schluchzen, mein Heulen wurde langsam ruhiger und ebbte schließlich ab. Wenn der Sturz nicht allzu schlimm war, sprang ich schnell wieder auf und spielte weiter.

War es ihre Zuneigung, ihre Nähe, ihr Wiegen? War es dieser magische Zauberspruch, den sie wie eine geheime Beschwörung sang? War es ihre Hand auf der Wunde, dem Schmerz?

Wenn es richtig schlimm war, ging es zum Arzt, mein Knie wurde genäht, mein Knöchel geröntgt, ob auch ja nichts gebrochen war. Die Krankheit wurde in die Hände des Arztes gelegt, zur Heilung des Körpers. Die seelische Heilung aber lag ganz in den Armen meiner Mutter. Sie war die große Göttin, die mit meinem Schmerz war, ihn hielt und ertrug und die innere Wunde heilte. Ihre Beschwörung machte mir klar, dass alles wieder gut wird. Sie war die Heilerin, die Schamanin, die mich wieder gesund machte, der ich mein Leben voll und ganz anvertraute.

Halten wir für einen Augenblick inne und wenden uns der rituellen Beschwörungsformel zu: „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein wird schon wieder besser sein, drei Tage Schnee, tut schon nimmer weh.“

Tradition – Erde – Halten

Es ist ein traditionelles Volkslied, das unter der Kategorie Trostlied in D-Dur, im 4/4 Takt zu singen ist. Hugo Riemann definiert das Volkslied in seinem 1916 erschienen Musiklexikon folgendermaßen: „Volkslied heißt entweder ein Lied, das im Volke entstanden ist (d. h. dessen Dichter und Komponist nicht mehr bekannt sind), oder eins, das in den Volksmund übergegangen ist, oder endlich eins, das ‚volksmäßig‘, d. h. schlicht und leichtfasslich in Melodie und Harmonie komponiert ist.“

Ein ganzes Volk singt oder sang dieses Lied. Es wird von Generation zu Generation weiter gegeben und ich bin sicher, hätte ich Kinder, auch ich hätte sie mit diesen Worten und diesem Ritual getröstet. Eine große Kraft liegt in volkstümlichen Überlieferungen, die über Generationen, Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende tradiert wurden. Die Kraft eines ganzen Volkes, die Kraft eines Clans, einer Familie, die Kraft einer Gemeinschaft wirkt in ihnen und über die Zeit. Von Jahr zu Jahr wächst diese Kraft, das morphogenetische (formgebende) Feld dehnt und weitet sich in alle Richtungen. Das ist die erste Heilkraft – tradiert über Generation. Je älter die Überlieferung, desto tiefer seine Wirkung. Tradition entspricht dem Element Erde und wirkt in den Volksüberlieferungen, Märchen, Mythen und Geschichten.

Rhythmus – Wasser – Geben

Wenden wir uns dem Lied zu. Es ist ein Reim, der einen Rhythmus aufweist, auch wenn ich ihn nicht singe, sondern nur spreche. Die zweite Heilkraft – Rhythmus. Wie der eigene Herzschlag, der Atem, die Gezeiten, Mond und Sonne, Leben und Tod – wir sind eingebunden in einem Rhythmus. Alles war wir tun ist Rhythmus, ob uns das nun bewusst ist, oder nicht. Rhythmus entspricht regelmäßigen Abfolgen und findet sich in der Biologie, der Sprache, Musik, Dichtung und Dramaturgie. Die Mutter hat ihren Rhythmus, das Kind seinen, das Lied folgt einem Rhythmus. Das Lied webt eine Verbindung zwischen Mutter, Kind und Lied, die Geschichte zwischen Erzähler/in, Zuhörer/in und Geschichte. Es ist ein ineinanderfließen, es ist ein gemeinsames. Wenn einer sich entzieht, kann sich die Heilkraft von Rhythmus nicht entfalten. Rhythmus hilft uns miteinander zu schwingen, ineinander zu fließen und eine Einheit zu werden. Rhythmus ordne ich dem Element Wasser zu.

Worte – Luft – Empfangen

Lauschen wir den Worten: „Heile, Heile“ – hier wird die Beschwörung deutlich, es ist eine Anrufung. Wer oder was, welche Kraft wird hier gerufen, um zu heilen, um Segen zu bringen?

Segen ist entlehnt aus lateinisch „Signum“, also Zeichen, Abzeichen, Kennzeichen. Es wird ein Zeichen gesetzt. Ist sich die Mutter dieses Segens bewusst? Mit welcher Absicht spricht sie den Segen aus?

Dreimal drei Tage – die Zahl drei symbolisiert Körper, Geist, Seele; Fühlen, Denken, Wollen/Handeln; Alltagswelt, Anderswelt, Götterwelt.

Am Ende des Verses werden die Naturgeister, die Naturkräfte, die Naturgewalten angerufen; Regen, Sonne und Schnee. Sind es die Jahreszeiten? Regen für den Frühling, Sonne für den Sommer, Schnee für den Winter? Eher selten bis gar nicht gibt es solche Wetterfolgen innerhalb von 3×3 Tagen. Der Hintergrund ist vergessen, verloren, aber das Lied ist geblieben und wird bis heute als Trostlied gesungen. Die Naturkräfte werden zur Heilung herbeigerufen, ein Zyklus, eine Abfolge wird beschrieben.

Ganz nach dem Motto „Am Anfang war das Wort“ entsprechen die Worte dem Element Luft und beinhalten die dritte Heilkraft. Hier steht immer die Frage nach der Botschaft: was will ich vermitteln, was ist der Hintergrund, welche Kräfte wecke ich? Beim Erzählen geht um ein achtsames, bewusstes Umgehen mit der Kraft der Worte und um ein inneres Wissen um ihre Bedeutung.

Handlung – Feuer – Bestimmen

Die Überlieferung, der Rhythmus, die Worte sind eingebettet in die Handlung. Das Singen oder Sprechen, die Nähe der Mutter, ihr Wiegen, ihre Berührung oder das „energetische“ Streicheln einige Zentimeter über der Haut sind der vierte Akt zur Heilung. Handeln, behandeln, Hand anlegen weist auf das Element Feuer hin durch das aktive Tun. Das Handeln macht das Ritual erst vollkommen. Ohne Handeln können die anderen Teile nicht heilend wirken. Handlung kennzeichnet auch das Märchen; der Märchenheld überlegt nicht, er handelt, er macht sich auf den Weg, bewältigt die Aufgaben, die vor ihm liegen und nimmt sein Leben in die Hand.

Als Kind bewirkte dieses rituelle Singen immer Wunder bei mir. Bis heute bin ich fasziniert von seiner prompten und (meist) absoluten Wirkung. Vielleicht war ich  damals der Anders- und Götterwelt viel näher als heute…

Den Elementen Raum geben

Überall im Alltag begegnen uns die Elemente. Die Sonne, die vom Himmel brennt oder das Feuer, das unser Herz entfacht, der frische Wind, der uns kühlt oder der Sturm, der uns aufwühlt, die Erde, die uns trägt und uns Werden und Vergehen Tag für Tag vor Auggen hält und das Wasser als Regen, als Träne oder gar als Tsunami, der uns in die Tiefe zieht. Ich lade Sie ein die kommenden Tage den Elementen zu widmen. Öffnen Sie ihre Sinne und lassen sie sich von den Elementen berühren, entfachen, verwirren und ankommen.

24.-26.8.2018 Seminar in Hannover „Die archetypische Kraft der Märchen“
mit „Der Eisenofen“, Grimm und den 5 Schilden (Animus, Erwachsener, Kind, Älteste/r, kleines Volk). Leitung: Renate Paula Höfle.

28.-30.9.2018 Erzählausbildung „Heilsames Erzählen“
Einführungsseminar in Hannover mit Jana Raile

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Rauhnachtszauber

Der Ursprung des Namens „Rauhnächte“ bzw. „Raunächte“ ist nicht eindeutig. Auf den ersten Blick scheint sich der Begriff auf die karge, rauhe, kalte und dunkle Jahreszeit zu beziehen, in der die zwölf heiligen Nächte gefeiert werden. Früher hießen sie auch „Rauchnächte“, denn dann wurden Häuser und Ställe ausgeräuchert. Die Rauhnächte sind auch eine Zeit der Geister und Seelen: Die Wilde Jagd braust durch die Lüfte und Frau Holle zieht mit ihren Heimchen umher. Versunkene Schlösser und Schätze steigen empor und Zwerge kommen zu Besuch.

Vor diesen Tagen soll alles, was verliehen wurde, wieder im Hause sein
und Geliehenes sollte man zurückbringen.

Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Eine Zeit des Wechsels, des Wandels. Sie symbolisiert den Kampf des Lichtes mit der Finsternis. Eine Rauhnacht schließt den ganzen Tag mit ein und dauert von 0.00 Uhr bis 24.00 Uhr. Die Rauhnächte beginnen am 25. Dezember um 0.00 Uhr und enden am 5. Januar um 24.00 Uhr. Jede Rauhnacht ist einem Thema gewidmet um Rückschau zu halten, Innezuhalten und Aufzuräumen, nicht im Aussen, sondern im Inneren. Sie sind auch Begleiter, das Kommende, Gewünschte zu visionieren.

So viele Knöpfe an einem Kleidungsstück fehlen in dieser Zeit,
so viele Geldstücke werden einem im Jahr gestohlen.

Themen, mit denen Du gehen kannst: vielleicht bleibst Du für Dich in der Stille, oder Du gehst bei einem Spaziergang mit dem jeweiligen Thema und lässt Dich von dem, was Dir begegnet, inspirieren. Vielleicht zündest Du auch eine Kerze an und schreibst Deine Gedanken zum Thema auf, vielleicht magst Du Dich auch mit Freund/innen darüber austauschen, oder bei einem Treffen zwischen den Jahren, das jeweilige Thema mutig ansprechen, und so Raum für spannende Gespräche schaffen.

  • 1. Rauhnacht 25.12., Altes Loslassen: Was war das Besondere im zu Ende gehenden Jahr? Welche Veränderungen hast Du wahrgenommen?
  • 2. Rauhnacht 26.12., Stille und innerer Frieden: Was brauchst Du, um weiterhin Veränderungen zulassen zu können? Wie stehst Du im Kontakt zu Deine Ahnen und ihrer Herkunft?
  • 3. Rauhnacht 27.12., Herzenskraft: Wie öffnest Du Dein Herz? Dir selbst gegenüber in allen Facetten, inneres  Kind, Anima/Animus, Erwachsene/r und anderen gegenüber? Wie zeigen sich Wunder in Deinem Leben?
  • 4. Rauhnacht 28.12., Neugier: Was gibt es heute zu entdecken? Was wünscht Du Dir? Wem möchtest Du danken? Wer war im vergangen Jahr wichtig für Dich?
  • 5. Rauhnacht 29.12., Achtsamkeit: Wie pflegst Du Deine Freundschaften? Wie sorgst Du für Dich selbst? Zeige Wahrheit und Klarheit in Deinem Tun und Handeln.
  • 6. Rauhnacht 30.12., Gefühle: Was hindert Dich, Deinen Gefühlen zu trauen? Liebst Du Dich selbst? Wie zeigst Du anderen Deine Gefühle?
  • 7. Rauhnacht 31.12., das Neue Jahr: Stimme Dich auf das kommende Jahr ein. Welche Visionen hast Du? Welche Ideen? Was will verwirklicht werden?
  • 8. Rauhnacht  1.1., Selbstverwirklichung: Nimm ein Bad oder eine Dusche und wasche ganz bewusst das alte Jahr ab. Schreibe Dir zehn Vorsätze für das neue Jahr auf? Wähle drei davon aus, die Dir wirklich wichtig sind.
  • 9. Rauhnacht  2.1., Verzeihen, Versöhnen: Was gibt es noch zu klären, damit Du frei das Neue leben kannst? Führe ein Herz-zu-Herz-Gespräch. Setze die Person/Situation gedanklich Dir gegenüber und spreche laut aus, was Dich bewegt.
  • 10. Rauhnacht  3.1., Verbindung: Besinne Dich auf Deine eigene Mitte. Verbinde Dich mit der Natur und finde heraus, was Dich stärkt und auf Deinem Weg unterstützt.
  • 11. Rauhnacht  4.1, Dankbarkeit: Danke Dir für das, was Du bis jetzt erreicht hast. Besinne Dich auf Deine Stärken, Dein Potential. Was kannst Du tun, um noch mehr in Deine Kraft zu kommen.
  • 12. Rauhnacht  5.1., Reinigung: Wovon willst Du Dich befreien? Was willst Du auf die Erde bringen?

Jegliche Arbeit ist verboten in den Rauhnächten,
sonst fällt der Wolf in die Herde und das Vieh gedeiht nicht.

Ich wünsche Dir gutes Gehen mit den Rauhnächten und ein inspiriendes, buntes und erfülltes Jahr 2018.

Beste Grüße

Jana Raile
http://www.erzaehlausbildung.de

Zum Schluss noch ein Märchen aus dieser Zeit:

Frau Holle und der Blinde

Einmal am Nachmittag des Heiligen Abends, kehrte ein blinder Buchbinder, den sein Hund führte, von der Arbeit heim. Ein schlimmer Wind fuhr durch alle Wipfel, und der arme Mann hatte eine weite Strecke durch einen großen Wald zu gehen. Nun wollte der Weg an diesem Tage schier kein Ende nehmen, es wurde immer einsamer und kälter um den Blinden, er fürchtete schließlich, sein Hund habe sich verirrt. Auf einmal legte das Tier sich nieder und sprach wie ein Mensch: »Weißt du, dass Frau Holle heute Nacht durch den Wald kommt?«

»Hast du mit ihr zu reden?« fragte der Blinde erstaunt. »Nein, aber ich habe dich heute ein ganzes Jahr lang geführt,« sagte der Hund, »jetzt hab du einmal Geduld und gib mir, dass ich eine Stun­de mit den meinen spielen kann. Sie kommen alle in den Hollenwald!« Da musste der Mann frierend an einen Stamm gelehnt warten, bis sein Führer wiederkehrte. Er murrte erst, aber es war zu begreifen, dass auch solch Tier seine Freude haben will; zwischen Weihnacht und Drei­könig verstehen alle Wesen einander, und man sagt, dass sie in den Ta­gen, die auch die Zwölften heißen, mehr wissen als unsereins, dafür dass sie ein Jahr lang stumme Diener der Menschen waren.

Als der Blinde nun schon hoffte, dass ein gut Teil der Stunde vorü­ber sei, kam der Hund wieder vorbei. »Du musst noch etwas Geduld ha­ben«, mahnte er seinen Herrn, »es sind noch nicht alle da.« Der Mann mochte nichts erwidern, um dem Tier die Freude nicht zu verderben. Als er dabei aber horchend den Kopf zu ihm niederbeugte, geschah ihm, wie es allen Blinden bei Frau Holles Kommen geschieht, dass er den Hund auf einmal wie einen Schatten sehen konnte. Und als er den Kopf wieder aufhob, war ihm, als stünde rund um den Tannen­wald wie eine Schar begrünter Kreuze da, er erblickte auch oben in den Wipfeln den Mond, um den mit hellen Gliedern viele Nebel tanzten. Aber der Blinde sah noch mehr, er sah, wie ein ganzes Schiff mit Bäumen und Lichtern vom Himmel näher schwebte, und sich auf einer weißen Waldwiese, die vor ihm lag, niederließ.

Und der Mann, der viele Jahre ohne Augenlicht gewesen war, erblickte tausend Tiere, die von weit her gekommen waren, um Frau Holle zu begrüßen, er sah die Elfen mit weißen Gliedern, und sogar einige Menschen, die auch die Unirdischen zu schauen vermögen. Da lief er über den Festplatz auf das Schiff zu und schrie vor Erstaunen: »Ich habe mein Augenlicht wieder, ich kann dich erkennen, Frau Holle!« Die schöne Himmlische schritt nahe an ihm vorüber und fragte: “ Bist du blind gewesen, armer Mann?« »Ja,« rief der Buchbinder, »ja, ich bin blind gewesen, und kann dich jetzt erkennen!« Die edle Frau warnte ihn: »Hoffe nicht zu früh, Lieber, es ist nur in den Zwölften, dass du zu sehen vermagst.« »Ich bin aber so glücklich, dass ich sehen kann,« schrie der Mann, »kannst du mir nicht für immer mein Augenlicht wieder geben?« Es war für ihn alles so herrlich rundum, voller Lichter und köstlichen Glanzes, voll schöner Menschen und Tanzender, voll Wagen und freundlicher Tiere, voll ragender Bäume und leuchtender Blumen, die mitten im Schnee aufwuchsen -, ach, den armen Mann düngte, dass sein Leben allzeit und zu jeder Stunde reich sein würde, wie in dieser.

»O,« rief er, »hätte ich doch mein Augenlicht für immer!« Den schlimmen Alltag hatte er ganz vergessen. »Kannst du mir nicht helfen, dass es so bleibt, Frau Holle?«

»Für immer kann ich dir nicht helfen,« antwortete diese traurig, »aber ich kann dich wählen lassen, ob du das Jahr hindurch alles Leben und Leid der Menschen erblicken oder aber, ob du in den Zwölften zu uns kommen willst.«

»Da weiß ich genau, was ich zu wünschen habe,« sagte der Mann aufgeregt, ihm schien das Jahr so viel länger als die kurze Zeit der Feier­tage. »Da weiß ich gewiss, was ich wähle: gib mir das Jahr frei, Frau Hol­le! Ein ganzes Jahr über möchte ich offene Augen wie zu dieser Stunde haben.« Da seufzten die Tiere, sie meinten vielleicht, der Fremde hätte sich anders entscheiden müssen. Aber Frau Holle strich ihm schon über die Augen: »So werde für deine Welt sehend und blind für uns,« sagte sie. Und das Dunkel fiel auf die Lider des Bittenden, weil er noch auf der Zauberwiese stand. Dann rief die schöne Königin den Hund des Buch­binders, der kam gehorsam und führte den Mann in seine Stadt heim. Aber als er zu den Menschen kam, erhellten sich seine Augen wirklich, so wie es ihm die gütige Frau versprochen hatte. Und als das neue Jahr begann, lebte er mit klaren Blicken, ein Genesener unter den Seinen.

Es ist jedoch an dem, dass der Arme die Sehnsucht nach dem Frau Hollenschiff seit jener Nacht nicht mehr verlieren kann und dass er, wie alle Menschen die lange blind waren, im Alltag Armut und Krankheit doppelt genau erkennt. Schwermütig und wortkarg ist er geblieben, und vermag die Feier der Zwölften und den Zug der schönen überirdischen Frau, den er einmal gesehen hat, zu keiner Stunde zu vergessen.

Märchen aus Schleswig-Holstein
aus: Geheimnisvolle Winter- und Weihnachtszeit, Sigrid Früh, Timon Verlag

„Die Alte im Wald“ als Urmutter und Ahnin

Schon der Titel „Die Alte im Wald“, verweist auf ein wichtiges Thema des Märchens. Auch wenn die Alte erst im zweiten Teil des Märchens zur Sprache kommt, so ist sie doch eine zentrale Figur. Bei ihr findet die klassische Heldenprüfung statt: das ehemalige Dienstmädchen muss ins Haus der Alten eindringen, darf sie nicht grüßen und muss den schlichten Ring finden.

In vielen Märcheninterpretationen wird „die Alte“ als Mutter des Königssohns gesehen, die ihren Sohn nicht freigeben will und ihn deshalb verwandelt. Das Mädchen befreit ihn durch den Ring aus seiner Mutterbindung und er ist wieder Königssohn. Ich möchte hier einen anderen Blickwinkel beleuchten. Fangen wir beim Wald an.

Der Wald

Der Wald steht im Märchenbild für das Unbewusste und ist der ursprüngliche Lebensraum des Menschen, er bietet Nahrung und Schutz. Hier lebt das Mädchen und wird wie von Zauberhand durch helfende Bäume versorgt. Auch die Alte lebt im Wald. In diesem „Urwald“ zeigt sich die Gabe von Mutter Natur: sie behütet, beschützt, nährt und gibt Sicherheit. Hier kann das Mädchen nachdem es ihre Herrschaft verloren hat, wieder zu Kräften kommen, wird bedingungslos an- und aufgenommen. Hier, bei Mutter Erde, der Ur-Alten, der Groß(-en) Mutter, kann das Mädchen (wieder) zu sich selbst finden, herausfinden, wer es ist und was es will.

Das Mädchen

Durch den Tod der Herrschaft hat das Mädchen alles verloren, was ihm bekannt und vertraut war, auch seinen Status als Dienstmädchen. Das kennen wir alle auf die ein oder andere Weise. Durch verschiedenste Umstände, im Märchen die Räuber, werden wir aus unserem bisherigen vertrauten Leben herausgerissen und nichts ist mehr wie es vorher war: Arbeitsplatzwechsel, Umzug, Trennung, Krankheit oder der Tod eines nahestehenden Menschen, um nur einige Erfahrungen zu nennen. Im Wald erfährt das Mädchen nun Sicherheit und bekommt „alles, was es bedurfte“. Das ist genau das, was wir in solchen Umbrüchen, Schwellensituationen brauchen. Mit Nahrung und einem Bett sind die Grundbedürfnisse befriedigt, mehr verlangt das Mädchen nicht. Im dritten Baum aber findet sich noch mehr: die königlichen Kleider weisen auf die Zukunft hin, auf das, was kommt. Im Wald, im Unbewussten finden sich unsere Gaben und Fähigkeiten, unsere Ressourcen und Potentiale. In dem armen Dienstmädchen steckt das Potential einer Königin. Das Gesetz des Lebens sagt, nur wer dienen kann, kann auch herrschen. Der König, die Politikerin, der Staat hat seinem/ihrem Volk zu dienen.

Die Alte

Die Alte lässt sich leicht auch als „das Alte“ assoziieren. Was an Altem hindert mich daran, mein Leben wirklich frei zu gestalten? Ich muss dem Alten begegnen ohne auf es einzugehen – das Mädchen darf nicht grüßen; ich darf mich nicht von ihm aufhalten lassen – das Mädchen macht sich los, als die Alte es am Rock fasst und muss den Ring finden, Symbol der Einheit, Ganzheit – um erlöst zu sein.

Vielleicht ist die Alte aber noch viel mehr, als nur das Muster, das ich in meinem Leben immer wieder wiederhole. Manchmal hindern uns nicht nur unsere Erlebnisse und Vorstellungen, sondern übernommene Werte, Erfahrungen unserer Ahnen machen es uns unmöglich, neue Erfahrungen zu machen. Wie unter Zwang wiederholen wir immer wieder das, was über Generationen geprägt wurde, manchmal ohne davon zu wissen. Bei uns Frauen sind das z.B. Perfektionszwang – alles muss perfekt sein, ich darf mir keine Fehler erlauben; Unselbständigkeit – ich bin ja nur eine Frau; oder übertriebene Eigenständigkeit – ich brauche keine Hilfe, ich brauche keinen Mann, ich kann alles allein. Dies sind nur einige Beispiele, die mir in jahrelanger Gruppen- und Einzelarbeit und meiner eigenen Biographie immer wieder begegnet sind.

Die Ahnen wirken auf unterschiedliche Weise in unserem Leben. Da gibt es die wohlgesinnten Ahnen, die uns fördern und unterstützen, sozusagen in unserem Rücken stehen, um unseren Weg zu begleiten. Sie wollen das wir weiter gehen, als sie selbst gegangen sind, sie geben uns ihren Segen und wirken als hilfreiche Helfer im Märchen. Hätte die Alte nicht den Käfig beiseitegeschafft, vielleicht hätte das Mädchen den Vogel mit dem schlichten Ring gar nicht entdeckt. Die unerlösten Ahnen geben ihre Themen an die nächste oder übernächste Generation weiter. Sie konnten das Problem selbst nicht lösen und so wird es nun über Generationen weitervererbt.

In diesem Märchen scheint es beide Aspekte in der Alten zu geben. Für den Königssohn ist sie eine böse Hexe, denn sie hat ihn verzaubert, er konnte nicht er selbst sein. Für das Mädchen erscheint sie als hilfreich: sie „prüft“ es zwar, indem sie freundlich grüßt und am Rock festhält, aber wenn sie eine so mächtige Hexe ist, warum verzaubert sie das Mädchen nicht, im Gegenteil unterstützt sie sogar darin, den schlichten Ring zu finden? Hier ist sie die wohlgesinnte Ahnin, die uns in unserer Entwicklung fördert und begleitet.

Übung Zukunftsvision

Ich lade Dich zu einem Waldspaziergang ein. Suche Dir eine Schwelle, (z.B. einen Stock) und gehe bewusst über diese Schwelle in die Märchen- oder Anderswelt. Wenn Du jetzt Deinen Weg gehst, achte mit all Deinen Sinnen darauf, was Dir begegnet. So wie dem Mädchen drei Schlüssel gegeben werden, werden Dir auf Deinem Spaziergang drei Symbole/Bilder/Erlebnisse begegnen, die für Dich Schlüssel auf Deinem persönlichen Lebensweg sein können. Betrachte Dir die drei Symbole/Aspekte, die Dir auf Deinem Spaziergang gezeigt wurden. Vielleicht weißt Du sofort, was sie bedeuten, vielleicht erschließen sie sich nicht auf dem ersten Blick. Wie mit den Märchenbildern ist es auch mit solchen Symbolen: nach und nach werden sie ihre Bedeutung für Dich eröffnen.

Dann überschreite wieder die Schwelle und kehre in diese Welt zurück.

„Die Bilder wirken für sich“ Erzählkünstlerin Jana Raile zur Trauerarbeit mit Märchen

Die Sterne fallen vom Himmel

Sprachlosigkeit. Keine Worte. Eine Erfahrung, die viele Menschen machen angesichts von Sterben und Tod. Erzählkünstlerin Jana Raile zeigt, dass dies nicht so bleiben muss. Märchen können eine Brücke bauen zwischen dem Hier und dem Noch-Nicht, zwischen der eigenen Fassungslosigkeit und den Erfahrungen, die Menschen über die Jahrhunderte gemacht haben.

Märchen erscheinen manchmal phantastisch, manchmal grausam. Warum eigenen sie sich besonders für die Trauerarbeit? Wie passt das zusammen?Für mich sind Märchen Weggeschichten. Sie zeigen Wege auf. Aber sie zeigen auch, dass man sich auf den Weg machen muss. Und das ist ja tatsächlich etwas, das in der Sterbe- und Trauerbegleitung das Wesentliche ist. Der Sterbende macht sich auf den Weg in die Anderswelt und der Trauernde steht plötzlich vor der Situation, dass alles anders ist. Er kann sein Leben, so wie es bisher war, nicht mehr weiterleben. Er muss sich auf den Weg machen. Deshalb sind für mich Märchen so ideal. Sie zeigen, wie man neue Wege gehen kann, unbekannte Wege. Wege, vor denen ich vielleicht Angst habe. Vielleicht muss ich dabei auch einen Drachen besiegen oder in einen Brunnen springen, aber es sind Wege, die sich eröffnen.

Verstehen wir alle denn noch diese Bilder?
Bei den Märchen geht es nicht um den Verstand. Logisch und vom Verstand her sind sie total unsinnig. Man kann nicht in den Brunnen springen und auf einer Blumenwiese landen. Aber es ist so, dass ein anderer Teil in uns, sagen wir das Herz, das Gefühl oder die Seele diese Bilder versteht. Es sind uralte Bilder, wie sie auch in Träumen immer wieder auftauchen. Sie sind Teil eines Urwissens, das die ganze Menschheit umfasst. Uralte Bilder vom Sein und vom Wesen der Dinge.

Wie kommt es, dass in Grenzsituationen Bilder in uns aufsteigen, die das Unaussprechliche zu fassen versuchen?
Ich glaube, dass gerade Grenzsituationen uns dahin bringen, einen Zugang zu diesen Bildern zu entwickeln. Wir stehen vor einer Situation, wie wir sie noch nie erlebt haben. Das ist ein Schock, aber auch ein Zugang, der neue Welten öffnet und das machen Märchen auch. Märchenhelden können sich zwischen Diesseits und Jenseits hin- und herbewegen. Sie sind nicht so strikt an die Realität gebunden wie wir. Das ist der Grund, warum in Grenzsituationen diese Bilder in uns aufsteigen und auch verständlich sind. Verständlich nicht für den Kopf, aber dass ich Trost finde. Dass ich plötzlich merke, dass ich tiefer durchatme, dass ich ruhiger werde. Dass ich mich für einen Augenblick entspannen und den Stress und die Sorgen loslassen kann.

Gibt es Märchen, die angesichts von Sterben und Tod eine besondere Rolle spielen?
Für mich das schönste Märchen und wahrscheinlich auch das bekannteste ist Sterntaler von den Brüdern Grimm. Das ist eine wunderschöne Geschichte. Es geht ums Loslassen. Das Mädchen hat schon viel verloren und dann gibt es auch noch das Stückchen Brot, das es hat, weg. Es gibt die Mütze weg, den Mantel, den Rock und am Ende hat es gar nichts mehr. Dann fallen die Sterne vom Himmel. Das ist für mich das schönste Bild. Es zeigt mir, auch wenn ich einen Menschen oder mein eigenes Leben loslassen muss, kommt danach etwas Unvorstellbares. Es fallen die Sterne vom Himmel. Für Sterbende kann das ein schöner Ausblick sein, auf das, was vielleicht kommt. Ein Trauernder wird vielleicht sagen: Für mich fallen aber gerade keine Sterne vom Himmel. Aber seine Seele hat es gehört und dieses Bild wirkt. Viele sagen, wenn sie durch ihren Trauerprozess hindurchgegangen sind: Ich habe viel Schmerz erlebt, ich habe viel gelitten. Heute bin ich reicher, als ich damals war. Wie Sterntaler.

Eignen sich die Märchen für jedes Alter – vom Kind bis zum Greis?
Die meisten Märchen sind für alle Generationen geeignet und auch für alle Kulturen. Da gibt es viele Parallelen. Sterntaler, Frau Holle, Schneewittchen – all diese Märchen sprechen eine kollektive Sprache. Sie sind unabhängig von der persönlichen Geschichte eines Menschen. Sie erzählen vom Weg an sich, der gegangen werden muss. Jede Altersstufe holt sich das heraus, was ihr besonders wichtig ist.

Material und Anleitung für Betroffene und Betreuer
Material und Anleitung für Betroffene und Betreuer

Nun stehe ich dem sterbenden Angehörigen gegenüber und Märchen waren lange Zeit kein Thema. Kann ich einfach so loslegen?
Man sollte die Geschichte vorher einmal selbst laut für sich lesen. Märchenbilder entwickeln sich am besten durch das gesprochene Wort. Dann werden sie lebendig. Zudem sollte man nur das erzählen, was man selbst mag und nicht, weil andere sagen, es könnte wertvoll sein. Wenn mein Herz für ein Märchen schlägt, dann erzähle ich es.

Und nach dem Vorlesen?
Dann braucht es weiter erst einmal gar nichts. Manchmal kann Stille ein wunderschönes Erlebnis sein. Jeder kann seinen Bildern nachhängen. Was kommt, kann man einfach kommen lassen. Stille oder auch Sätze, die scheinbar aus dem Zusammenhang gerissen sind. Vielleicht hat das Märchen eine Tür geöffnet, noch einmal Wünsche anzusprechen. Man kann das Erzählen auch in Rituale einbetten. Vielleicht lasse ich, wenn ich Sterntaler erzählt habe, am Ende noch ein paar Glitzersterne vom Himmel fallen. Oder ich zünde eine Kerze an, wenn ich anfange zu erzählen und lösche sie am Ende wieder aus. Das Schöne bei Märchen ist, man muss nicht darüber reden. Die Bilder wirken für sich.

Das Interview führte Bärbel Reichelt

SEMINAR „Trauerbegleitung mit Märchen“ vom 10.-12. März 2017 in Hannover, ZEB-Stephansstift, Kirchröder Str. 44
http://erzaehlausbildung.de/trauerbegleitung-mit-maerchen.html

Erzählkunst – Ein Findungsversuch

Seit über 20 Jahren bilde ich im Erzählen aus. Angefangen als Märchenerzählerin habe ich auch Literarisches für mich entdeckt und Gedichte und Lieder in mein Repertoire aufgenommen.

Erzählkunst heißt für heute möglichst frei werden vom vorgegebenen Text. Andererseits fühle ich mich auch dem Autor oder dem Kulturgut verpflichtet. Erzählkunst ist immer eine Interpretation: so sehe ich es, aus meiner Perspektive, mit meiner Lebenserfahrung, meiner Lebenseinstellung.

Hintergrundinformationen über den Autor oder die Kultur, die Zeit und die Beschäftigung mit Archetypen können meine künstlerische Interpretation vertiefen. Vor allem aber stelle ich mir immer wieder die eine Frage: WARUM? Warum erzähle ich die Geschichte? Warum ist das so und nicht anders? Warum verhält er/sie sich so?

Gibt es eine „universelle“ Botschaft? Viele Geschichten wurden über Generationen weiter getragen und erzählt. Johannes Merkel erlaubt uns mit „Hören, Sehen, Staunen – Kulturgeschichte des mündlichen Erzählens“ einen Einblick in die frühe Erzählkunst: „Geschichten mussten immer vollständig vom Anfang bis zum Ende erzählt werden. (…) Immer wieder behaupteten einheimische Erzähler, sie würden ihre Geschichten genauso erzählen, wie sie diese einst selbst gehört hätten. Daraus zogen manche Forscher den Schluss, die Erzähler würden sich an einen festen Wortlaut halten. (…) Es dürfte sich um ein bezeichnendes Missverständnis handeln. (…) Die Regeln, die eine getreue Wiedergabe zu sichern hatten, konnten in einer schriftlosen Kultur nur bedeuten, dass die Handlungsfolge nicht verändert werden durfte. Erzählungen, die über längere Zeiträume von Mund zu Ohr gehen, werden zwangsläufig mehr oder weniger zufälligen oder bewusst vorgenommenen Veränderungen unterliegen. Es gehört sozusagen zur Natur des Erzählens, dass jeder Erzähler sie sich auf seine Weise in den Mund legt, Passagen weglässt, die ihm nicht liegen, neue einfügt, die ihm geeigneter erscheinen.“

Ist das also die Erzählkunst? Jede Erzählerin, jeder Erzähler interpretiert die Geschichten auf ihre/seine Art. Die eine/n freier, die andere/n eher textbezogen.

Die Kunst geht noch weiter. Die Darstellung, Charakterisierung, Betonung, Rhythmus, Mimik, Gestik… all das trägt zu dem Gesamtbild bei, das beim Zuhörer einen Eindruck, einen Abdruck hinterlässt.

In der „Supervision für Erzähler/innen“ vom 19.-22. Mai 2016 im ZEB-Stephansstift Hannover machen wir uns gemeinsam auf die Suche wie dieser Eindruck, dieser Abdruck gezielt genutzt werden kann. Warum erzählst Du diese Geschichte? Welche Botschaft willst Du vermitteln? Noch gibt es freie Plätze. Mehr Infos hier: Supervision für Erzähler/innen